Sterben dürfen – ein evangelisch-protestantischer Zwischenruf. Teil 2

Im zweiten Teil seines Beitrags zur Sterbehilfe plädiert Werner Ritter (Bayreuth/Bamberg) für eine differenzierte Kultur des letzten Lebensabschnittes.

Pluralität als evangelisch-protestantisches Markenzeichen

„Die Gesellschaft muss verhindern, dass der Suizid ein normales Lebensende wird“, lautet der Untertitel von Peter Dabrocks eingangs genanntem Beitrag. Ich frage mich, wie das geschehen soll, wenn etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung für Sterbehilfe sind: 66 Prozent der Befragten ermittelte DIE ZEIT im Januar 2014, und auf 58 Prozent kommt eine Emnid-Umfrage im Herbst 2014; nur zwölf Prozent der Befragten waren 2015 einer ARD-Erhebung zufolge für ein komplettes Verbot assistierter Sterbehilfe. Palliativmediziner wünschen sich entgegen der offiziellen Meinung von Ärzteverbänden wie des Ethikrats eine offene Diskussion der Sterbehilfe, so die „Rheinische Post“ vom 29.12.2014. Die Kirchen werden es meiner Meinung nach angesichts solcher Befunde nicht leicht haben, mit ihrer Nein-Haltung durchzudringen. Dennoch formuliert der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm: „Ich richte meine Meinung nicht nach der Mehrheit in Umfragen, sondern nach meiner eigenen Überzeugung“ (Nachrichten der Ev.-Luth. Kirche in Bayern 1/2015, S.26) und: „Die Kirchen reden von ihrer Botschaft her und orientieren sich nicht an Umfragen“ (Heinrich Bedford-Strohm, Interview im Nordbayerischen Kurier vom 10.10.2014).

Einzelfall statt Schematismus, Barmherzigkeit statt Gesetzesgehorsam.

Nun erwartet niemand, dass ein Bischof den Leuten nach dem Munde redet. Aber ist „ihre Botschaft“ in Sachen Sterbehilfe wirklich so eindeutig wie behauptet wird? Nein, das ist sie nicht! Es ist daher die Frage, ob die vom früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber eingeführte und von vielen EKD-Größen übernommene Strategie der „klaren ethischen Positionen“ bzw. „klaren Argumente“ wirklich trägt. Die kirchlich verbreitete Neigung, Aussagen für umso richtiger zu halten, je eindeutiger, klarer und entschiedener sie sind, wird uns immer wieder zum Verhängnis, weil sie Menschen, Christen mit anderer Auffassung tendenziell ausschließt und „exkommuniziert“. Dabei ist das Leben selten so eindeutig, dass es nur eine „Wahrheit“ gibt. Ich bin deswegen kein Freund eines ethischen oder dogmatischen Rigorismus, eher Anhänger einer Vielfaltsfreundlichkeit, wie sie uns auch in der christlichen Tradition begegnet. Eindeutigkeit nimmt schnell den Geschmack von Ideologie an – evangelisch ist sie m.E. nicht. Wenn etwas vom Evangelium auf der Familien-Synode der Katholischen Kirche im Herbst 2015 verstanden worden ist, dann dies: das Prinzip des Respekts vor dem Einzelfall und seiner Not! Also Einzelfall statt Schematismus, Barmherzigkeit statt Gesetzesgehorsam.

Schließlich ist die entscheidende Frage nicht nur im Protestantismus, wer heute in Sachen Sterbehilfe, aber auch in anderen Themenbereichen, für alle verbindliche Wahrheiten formulieren kann und darf? Wer hat evangelisch die Definitionsmacht in Glaube, Theologie und Kirche? Dürfen Kirchenamtliche wie früher vorschreiben, was Christen zu glauben und zu tun haben? Das bitte nicht mehr! Und doch habe nicht nur ich seit einiger Zeit den Eindruck, dass kirchlicherseits häufig umso lauter geschrien wird, je mehr der gesellschaftliche Einfluss nachlässt. Vielleicht sendet man deswegen so vehement „auf allen Kanälen“. Ob es hilft? Meines Erachtens widerstrebt die rigorose kirchliche Nein-Haltung in Deutschland bezüglich Sterbehilfe den evangelisch-protestantischen Wurzeln, zu denen der Diskurs und die Pluralität unabdingbar gehören. Sie sind Markenzeichen des Protestantismus, der unterschiedliche Positionen ermöglicht, zulässt und anerkennt. Protestanten und viele katholische Christen wissen, dass keiner von uns die Wahrheit besitzt; vielmehr haben wir sie „nur“ in unseren „irdischen Gefäßen“ und menschlichen Vorstellungen, was uns jenseits von Standpunkthalterei und Absolutheitsansprüchen zwingend aneinander verweist. Wahrheit ist ein Prozess, der den Dialog und die Begegnung mit den Anderen braucht.

Für eine differenzierte Kultur des letzten Lebensabschnittes

Grundsätzlich gilt, denke ich, Gott ist der Herr über Leben und Tod – und das ist gut so, weil uns Menschen damit beides, Leben und Tod, als „Verfügungsmasse“ gnädig entzogen ist. Zudem ist es der biologischen Natur des Menschen zuwider, sein Leben zu jeder beliebigen Zeit „einfach so“ zu beenden. Gleichwohl erweist sich ein radikales Plädoyer für ein „natürliches Ende“ als befragungswürdig: Wie viele Menschen sterben denn heute noch „natürlich“? Sehr wenige, wie wir wissen. Angesichts einer Vielzahl medizinischer Eingriffe und Interventionen mit bedingt lebensverlängernder Wirkung, welche sehr viele schwerst- und todkranke Patienten heutzutage beanspruchen oder über sich ergehen lassen, ist die häufig normativ aufgeladene Rede vom „natürlichen Sterben“ längst problematisch geworden. In und mit solchen Eingriffen zeigt sich nämlich schon längst der Mensch in gewisser Weise als Herr über Leben und Tod. Insofern enthält der fundamentale Satz „Das Herz steht still, wann Gott es will“ nur die halbe Wahrheit. Und: handelt – recht verstanden – Gott nicht auch „in, mit und unter“ unseren menschlichen und medizinischen Entscheidungen? Wir sind als Menschen, Ärzte, Patienten doch nicht zur Passivität verurteilt oder einem blinden Schicksal alternativlos unterworfen, sondern „coram Deo“ auch entscheidungs- und handlungsfähige Subjekte „cum Deo“.

Es gibt Situationen, in denen schwerst- und todkranke Menschen das Sterben herbeisehnen, weil es für sie keine Linderung mehr gibt und die Grenze dessen erreicht ist, was sie ertragen können. Wer will sie mit welchen Mitteln zum Weiterleben verpflichten? Sollte es wirklich Gottes Wille sein, dass sie weiter mit Schmerzen oder hochsediert dahindämmern müssten, wo sie doch ohne vorhergehende medizinische Maßnahmen höchstwahrscheinlich früher gestorben wären? Und doch stellten Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz unisono fest, dass ein Christ den „Selbstmord“ nicht verstehen und nicht billigen könne (Gott ist ein Freund des Lebens, 1991, 5. Aufl., S. 107), was sie 2003 neuerlich bestätigten, wenn es heißt: „Aktive Sterbehilfe ist (…) mit dem christlichen Verständnis vom Menschen nicht vereinbar“ (Christliche Patientenverfügung, 2003, S.28). Demgegenüber finde ich es befreiend und weiterführend, wenn der evangelische Medizinethiker Eckard Nagel (2015) sinngemäß schreibt: Sein Leben unter solchen, oben genannten, aussichtslosen Umständen zu beenden – die juristische und medizinische Terminologie dafür ist Suizid – war in der BRD immer erlaubt und ist nicht gesetzlich diskreditiert. Jeder – so heißt es bei Nagel weiter – „kann sich auf legale Weise im Rahmen der ihm zugewiesenen Selbstbestimmung das Leben nehmen. Die frühere Vorstellung des schuldhaften `Sich-aus-dem-Leben-Nehmens´ gibt es heute kaum noch. Auch in der evangelischen Tradition wird die Freiheit respektiert, die Gott gegeben hat, individuelle Entscheidungen bis zu dem Punkt zu treffen, an dem sich ein Mensch das Leben nimmt.“ (in: Politik und Zeitgeschehen 65/2015, S.59).

Für solch eine „neue Kultur des letzten Lebensabschnittes“ bräuchte es so Nagel – dies nur nebenbei gesagt – auch „keine gesetzlichen Neuregelungen“ (Nagel, S. 61; so auch Klaus Tanner und viele andere). Allerdings hat hier der Deutsche Bundestag mit dem neuen Sterbehilfegesetz § 217 StGB vom 06. November 2015 anderes beschlossen, worauf ich hier nicht eingehen kann.

Beim Stand der Dinge plädiere ich grundsätzlich für eine differenzierte Kultur des letzten Lebensabschnittes, die jedem und jeder sein/ihr Sterben und seinen/ihren Tod lässt: Kein Sterben ist theologisch und ethisch gesehen „besser“ als das andere, nicht der assistierte Suizid, aber auch nicht das palliativ unterstützte Sterben. Woher auch sollten wir  Maßstäbe dafür nehmen?

In Sachen Sterbehilfe kommt es nicht darauf an, dem Leben mehr (Leidens-)Tage hinzuzufügen, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.

Für meine eigene Urteilsfindung in Sachen Sterbehilfe wird mir dabei derzeit dreierlei wichtig: Erstens bin ich davon überzeugt, dass das bloß biologische Leben der Güter höchstes nicht ist, wie es der verstorbene katholische Moraltheologe Franz Böckle schon in den 80ern des letzten Jahrhunderts formuliert hat. Worin wäre denn eine Schmerztherapie, die im Extremfall zur Bewusstlosigkeit bei Sterbenden führt (Dabrock, S. 135), theologisch und ethisch besser als Sterbehilfe im hier gemeinten Sinn? Zweitens bin ich der Auffassung, dass es in Sachen Sterbehilfe nicht darauf ankommt, dem Leben mehr (Leidens-)Tage hinzuzufügen, sondern den Tagen mehr Leben zu geben. Eine Pflicht zum Weiterleben unter allen Umständen gibt es theologisch und ethisch nicht. Drittens glaube ich an einen Gott, der uns gnädig und barmherzig heimholt und aufnimmt, wenn wir „gehen“ wollen, nicht aber an einen Gott, der uns elendiglich zugrundegehen lässt. Sterbehilfe impliziert so gesehen auch die Gottesthematik: an welchen Gott glauben wir?

Unsicherheitstoleranz und Demut

Was wir in Sachen Sterbehilfe als (Christen-)Menschen heute wirklich brauchen, ist eine Art Unsicherheitstoleranz, heißt: Es gibt hier keine eindeutigen, hundertprozentigen Argumente pro oder contra Sterbehilfe. Vielmehr wachsen diesbezüglich im Laufe unserer Lebensgeschichten subjektive Überzeugungen, in welche ethische und theologische Überlegungen mit einfließen. Diese sind auch stark geprägt von existentiellen Erfahrungen mit anderen und mit sich selbst und verdienen von daher Respekt und Wertschätzung. Im Vordergrund hat letztlich die Würde von Sterbenden zu stehen und die Hochachtung vor ihrem Willen in ihrer letzten Lebensphase. Das sollte uns bescheiden, mutig und demütig machen, weil wir hier allesamt Suchende sind.

(Teil 1 des Beitrags: https://www.feinschwarz.net/sterben-duerfen-ein-evangelisch-protestantischer-zwischenruf-teil-1/)

Autor: Prof. Dr. Dr. Werner H. Ritter hatte von 1987 bis 2008 den Lehrstuhl II für Evangelische Theologie an der Universität Bayreuth inne, danach bis 2011 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, anschließend Freistellungsphase bis 2014 und seither im Ruhestand.

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/h%C3%A4nde-haut-h%C3%A4nde-halten-578918/

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