Unverschämt jüdisch?

Belletristische Neuerscheinungen deutsch-jüdischer Autorinnen machen die Pluralität hier und heute gelebten Jüdischseins sichtbar: Barbara Honigmann, Lena Gorelik und Mirna Funk. Christoph Gellner stellt ihre literarischen Diskurse über Jüdischkeit vor.

Unverschämt jüdisch1 lautet der programmatische Titel von Barbara Honigmanns (*1949) kürzlich erschienener neuen Redensammlung, die Mehrzahl der Texte gehen auf Preisverleihungen wie dem Zürcher Max-Frisch-Preis 2011, dem Fürther Jakob-Wassermann-Preis 2018 oder dem Bremer Literaturpreis 2020 zurück, der längste ist ihre Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion 2020: „Kafka und Proust – Schriftsteller und Jude sein in Zeiten der Assimilation“.

Unverschämt jüdisch geht auf die freie Übersetzung des Begriffs juif inauthentique in der deutschen Ausgabe von Jean-Paul Sartres Betrachtungen zur Judenfrage zurück, das Ullstein-Taschenbuch von 1963 hatte ein Freund über die Grenze nach Ost-Berlin geschmuggelt. „‘Un-verschämt jüdisch‘“ treffe „genau den Kern“, betont Barbara Honigmann, „wahrscheinlich ringe ich seit meiner Lektüre dieses Buches als 14-Jährige damit, mein Judentum, in das ich hineingeboren wurde, un-verschämt zu leben und schließlich, erwachsen geworden, auch so davon zu sprechen, zu erzählen, zu schreiben.“

Ihrem Vater war es nicht möglich, „dem verschämten Judentum zu entkommen“: „‘zu Hause Mensch und auf der Straße Jude‘“, umschrieb er seine gleichzeitig privilegierte und ungeschützte Situation in der frühen DDR. „Ich nehme sogar an, dass die Hingabe an die kommunistische Idee, zumindest teilweise, dem Wunsch entsprang, dieser Überdeterminiertheit zu entrinnen, um einfach Mensch, Genosse, Kamerad zu sein. Eine Flucht nach vorne, nachdem jüdische Überlieferung, Konvention und Religion schon lange abgelegt und abhandengekommen waren“, verdeutlicht Honigmann, die mit Robert Schindel, Rafael Seligmann, Esther Dischereit, Robert Menasse, Chaim Noll und Matthias Hermann zur zweiten Generation deutsch-jüdischer Literatur nach der Shoah gehört.2 Remigranten wie ihr Vater gehörten zum Mikrokosmos der Kultur- und Pressemenschen in Ost-Berlin, doch waren sie „nicht wirklich der politischen Nomenklatura zugehörig, dazu misstraute man ihnen viel zu sehr als Bürgersöhnen, obendrein meistens jüdisch, die zu viele Jahre in der westlichen Emigration verbracht hatten“.

Mutter, Künstlerin und eine richtige Jüdin.

Als sie 1976 schwanger wird, beschließt Barbara Honigmann „Mutter, Künstlerin und eine richtige Jüdin zu werden“. Diese Reise ins Innere des Tora-Judentums spiegelt ihr Erzähldebut Roman von einem Kinde (1986). Die kleine jüdische Gemeinde in Ost-Berlin, in die sie sich eintrug, war völlig überaltert, ein jüdisches Leben schien hier kaum möglich. Seit 1984 lebt sie mit ihrer Familie in Straßburg, dort befindet sich eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, Barbara Honigmann lebt ein traditionell religiöses „Judentum koscher light“ – Soharas Reise (1996) und Chronik meiner Straße (2015) evozieren diese Vielfalt jüdischen Lebens aschkenasischer und sephardischer Prägung.

„Gibt es einen neuen Antisemitismus in Europa […] Und wie sieht es in USA aus?“, berichtet sie von einer Begegnung mit einem jüdischen Geschäftsmann im Flugzeug nach New York, „eigentlich mögen wir uns nicht für den Antisemitismus interessieren, das ist doch nicht unser Problem, es ist ihr Problem.“ Während des Flugs erzählten sie sich ihre Lebensgeschichten und die ihrer Eltern und Ehepartner und deren Eltern, „die alle ziemlich ähnlich klangen“. Endlich in New York angekommen blieb ihnen bei der Verabschiedung „nur noch eine einzige Frage: Worüber reden eigentlich Gojim?“

Nachgelernte Jüdin, russisch, deutsch.

Als humorvolle Einführung in Jüdischkeit heute dokumentierte Lena Goreliks Briefroman Lieber Mischa … Du bist ein Jude (2011) den Versuch einer „nachgelernten Jüdin“, ihrem Sohn Rudimente einer religiösen Lebensführung im Alltag zu vermitteln3: „Ich habe außer gefüllte Fisch, Tum-Balalaika und Erzählungen meiner Großmutter keine Religion mitbekommen und das ist – vielleicht leider, vielleicht auch nicht – ein Phänomen, das sich sowohl in der Diaspora als auch in Israel weit über die russisch-jüdische Bevölkerung hinaus erstreckt […] Jeden Abend sage ich ‚Schma Israel‘ und weiß nicht warum ich es tue, weiß nur, dass ich ruhiger bin, wenn ich es tue. Vergiss nicht Schma Israel.“

„Geh doch nach Hause, du Drecksjude! Geh doch nach Israel, da gehörst du hin!“ In ihrem neuen Roman Wer wir sind4 erzählt die 1981 in Leningrad geborene Schriftstellerin die schmerzliche Vorgeschichte voller Demütigungen und Scham. Angesichts antisemitischer Anfeindungen stellte ihr Vater Anfang der 1990er Jahre einen Ausreiseantrag, als Kontingentflüchtlinge gelangen die 11-jährige Lena, ihre Eltern, die Großmutter und der 9 Jahre ältere Bruder 1992 von Petersburg, wie ihre Geburtsstadt postkommunistisch wieder heißt, nach Ludwigsburg. Wegen ihrer schon in Russland sehr guten schulischen Leistungen wird sie als Streberin ausgegrenzt: „Ich bin nicht mögenswert.“

Anders als ihren Eltern, deren Diplome nicht anerkannt werden und die im Behördendschungel zu „unbeholfenen Kinder“ regredieren, gelingt der Ich-Erzählerin der Sprach- und Kulturwechsel rasch. Unter verändertem Vorzeichen wird nun ihre jüdische Religion zum Thema: Der katholische Religionslehrer schlägt vor, Lena könne einen „Passah-Fest-Teller“ mit in die Schule bringen. „Wir besitzen keinen Pessach-Teller, aber meine Mutter kocht Eier, die neben anderem auf den Teller gehören, und murmelt etwas von einem Urgroßvater in einem weißrussischen Schtetl.“ Die Familie geht in die Synagoge, Lena nimmt am jüdischen Religionsunterricht teil, wo sie von der Shoah erfährt, über die die Eltern nie gesprochen hatten. Bei der Feier ihrer Bat Mizwa wird sie „natürlich nicht zur Tora aufgerufen, wie es bei den Jungen Brauch ist“. Das Erinnerungsbuch endet damit, dass sie Parallelen zwischen sich und ihrer Mutter erkennt, die schämte sich für das Jiddisch ihrer Großmutter und wünschte sich, sie hätte das Schtetl hinter sich gelassen: „Wir haben uns beide für unsere Familien geschämt“, bilanziert Lena Gorelik. „Jetzt schäme ich mich für die eigene Scham. Für mich ist nicht viel Jiddisch übrig geblieben. Für mich sind die Geschichten übriggerblieben.“

Die eigenen Verwundungen und die der Vorfahren.

„Wo kommen wir her? Wie sind wir in unser Leben hineingeraten? Wie können wir mit den Bruchstellen lernen zu leben?“ Mirna Funks zweiter Roman Zwischen Du und Ich5 setzt die in ihrem Debüt Winternähe (2015) begonnene Erkundung der Befindlichkeiten junger Jüdinnen und Juden in Berlin und Tel Aviv fort und rückt den Fokus auf persönliche, intergenerationelle und nationale Traumata. Nike, wie ihre Autorin zu Beginn der 1980er Jahre in Ostberlin geboren und nach der ‚Wende‘ herangereift, will einen Arbeitsaufenthalt in Tel Aviv nutzen, um mit dem Erwerb der israelischen Staatsbürgerschaft einen biografischen Neuanfang zu wagen.

Nicht von ungefähr lässt Mirna Funk, die als Enkelin des DDR-Schriftstellers Stephan Hermlin wie Lena Gorelik zur dritten Generation deutsch-jüdischer Literatur nach der Shoah gehört, ihre Heldin in Tel Aviv eine Konferenz über Juden in Deutschland nach 1945 organisieren, bei der sie gerade auch junge Juden einbinden und einladen will: „Juden, die in den Neunzigern aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland immigriert waren, Juden, die aus Amerika, Frankreich und anderen europäischen Ländern gekommen waren, um im weltoffenen Berlin zu leben, Juden aus Westdeutschland und Ostdeutschland, Juden aus Israel. Sie alle machten das aktuelle Judentum Deutschlands aus, und sie alle hatten eine eigene Geschichte und Perspektive auf sich und das Land, in dem sie lebten, obwohl nicht einmal ein Menschenleben zuvor sechs Millionen von ihnen ermordet worden waren.“

Auf ihrer Suche nach einer jüdischen Lebensführung verliebt sich Nike in den Israeli Noam, der, wie sich zeigt, ebenfalls mit einer unbewältigten, ja, beschämenden Missbrauchs- und Gewaltgeschichte leben muss. „‘Sei kein Opfer!‘“, erläutert Noam Nike „das elfte Gebot“, das „die gesamte israelische Gesellschaft“ durchdringe. „‘Wenn man einem Opfer begegnet, einem, dem wirklich etwas Schlimmes passiert ist, dann wird man im anderen an sein eigenes Opfersein erinnert‘“, findet Nike viel relevanter an der Opferthematik. „‘Jedem von uns ist schon einmal Schreckliches angetan worden. Mir, dir, uns allen. Es gibt keinen Menschen ohne Bruchstelle im Leben.‘ ‚Wer sollte das besser wissen als wir Juden‘“, stimmt ihr Noam zu.

„Aufgewachsen in der DDR, ohne jüdische Traditionen“, war es Mirna Funk, die heute zwischen Berlin und Tel Aviv zu Hause ist, wichtig zu „verstehen, was Judentum außer Holocaust eigentlich bedeutet“. Mit einem jüdischen Vater, doch ohne jüdische Mutter galt sie nach der Halacha nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft. Die Allgemeine Rabbiner Konferenz in Deutschland erleichterte vor wenigen Jahren solchen Vater-Juden den Übertritt, sodass sie in der Neuen Synagoge von Berlin offiziell Jüdin wurde. „Auch wenn ich seit der Geburt meiner Tochter regelmäßig die Synagoge besuchte; auch wenn ich seit Jahren die hohen Feiertage mit großen Abendessen bei mir zu Hause feiere; und auch wenn ich zu HaSchem, dem jüdischen Gott, bete“, unterstrich Mirna Funk jüngst im ZEIT-Magazin: „Mein Judentum definiert sich mehr über Chuzpe und weniger über Gott.“

Dass berührt sich mit der Lebensmaxime von Nikes kommunistischer Großmutter, die am Ende des Romans den Befreiungsversuch ihrer Enkelin kommentiert, Nike hält es für „das jüdischste, was du jemals zu mir gesagt hast, Rosa“: „Jeder muss entscheiden, wann er den Weg zu sich selbst gehen will. Niemand kann dazu gezwungen werden. Wir alle sind frei. Frei, die Leerstelle, die die Ereignisse hinterlassen haben, zu besuchen, ihr offen zu begegnen und sie für alle Zeit anzunehmen.“

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Text: Dr. Christoph Gellner ist Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Zürich, Lehrbeauftragter an der Universität Fribourg und Experte für Literatur und (Welt-) Religion(en).

Bild: Buchcover

  1. Barbara Honigmann: Unverschämt jüdisch. Hanser: München 2021.
  2. Eingehend Christoph Gellner/Georg Langenhorst: Blickwinkel öffnen. Interreligiöses Lernen mit literarischen Texten, Patmos: Ostfildern 2013, 41–60. Mit der Schriftstellergeneration von Nelly Sachs, Paul Celan, Rose Ausländer, Hilde Domin, Grete Weil und Stefan Heym wähnte nicht nur Marcel Reich-Ranicki die deutsch-jüdische Literatur «endgültig und unwiderruflich abgeschlossen». Umso größer die Überraschung, als Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre eine «zweite Generation» von AutorInnen begann, Möglichkeiten eines Lebens als Jüdin oder als Jude in Deutschland, Österreich oder der Schweiz literarisch sichtbar zu machen.
  3. Gellner/Langenhorst, Blickwinkel öffnen, 143–160.
  4.  Lena Gorelik: Wer wir sind. Roman, Rowohlt: Berlin 2021.
  5. Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. Roman, DTV: München 2021.
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