Kult(ur)-Lockdown: Was der Kult für die Kirche, ist die Kultur für den Staat!

Kult und Kultur sind keine Freizeitbeschäftigungen, die man nach Belieben und ohne Konsequenzen vorübergehend einstellen könnte. Beide spielen eine unersetzliche Rolle für unser individuelles und gesellschaftliches Überleben. Von Frank Walz.

Die berühmte Geigenvirtuosin Anne-Sophie Mutter war wohl eine der prominentesten KünstlerInnen, die bereits im November 2020, im deutschen sogenannten „Lockdown light“, als Hilfsinitiative für in Not geratene freischaffende MusikerInnen eine enge Kooperation von Kunst und Kirche angeregt hat. Sie startete ein Projekt, bei dem sie mit anderen MusikerInnen in (evangelischen wie katholischen) Gottesdiensten musizierte, den einzigen Orten, an denen kulturelles Tun im Rahmen des Lockdown überhaupt noch möglich war. Das Frankfurter Stadtdekanat, als ein Beispiel von vielen, hat diese Aktion aufgegriffen und mit 1250 € pro Pfarrei subventioniert. Eine gelungene Kooperation von Kunst und Kirche, in diesem Fall mit dem Ziel, die Kunst, konkret die KünstlerInnen zu fördern.

Was der Kult für die Kirche, ist die Kultur für den Staat!

Kunst und Kirche, Kult und Kultur – im Besonderen: Musik und Gottesdienst – sind seit jeher eng miteinander verbunden. Gut, dass es, zumindest in Österreich, die ganze Corona-Zeit hindurch eigene, zwischen den Kirchen und dem Staat vereinbarte, Regeln für die Feier der Gottesdienste gab und noch immer gibt. Noch besser, wenn die Regeln für die Kultur analog dazu erstellt würden. Was der Kult für die Kirche, ist die Kultur für den Staat!

Auf der Homepage des deutsch-französischen Kultursenders ARTE gibt es seit geraumer Zeit eine eigene Rubrik „Kultur im Lockdown“. Dort werden Projekte vorgestellt, über die Kreativschaffende Wege finden, „ihre Kunst zum Publikum zu bringen“. Es lohnt sich, ausgehend von diesen und anderen Projekten aus dem Kulturbereich, zukunftsträchtige Ansätze für den kirchlich-kultischen Bereich zu entwickeln. Wie kann Kirche in Zeiten wie diesen (und womöglich darüber hinaus) den „Kult zum Publikum“ bringen, liturgisch korrekter formuliert, wie können Gottesdienste in und trotz der Pandemie gut gefeiert werden?

Einige Kulturstätten haben mittlerweile begonnen, ihre Kunst auf virtuellen Plattformen anzubieten. Die unterschiedlichsten kulturellen Formate wie Lesung, Kabarett, Schauspiel, Konzert, Oper, Liederabend werden teils kostenlos, teils gegen Gebühr gestreamt. Museen und Galerien kuratieren seit geraumer Zeit Ausstellungen im online-Format, und sie beginnen gerade damit, dieses Format auch Privat-Anbietern zu öffnen. Die vielerorts architektonisch hoch ansprechenden Räumlichkeiten werden für BesucherInnen zur Besichtigung freigegeben, die künstlerisch ansprechenden Fassaden für Lichtinstallationen genutzt. Im öffentlichen (Außen- statt Innen-)Raum, dort, wo sich Menschen tagtäglich aufhalten bzw. vorbeigehen, entstehen Installationen und Performanzen und laden zum Diskurs ein. Ungenutzte Geschäftsräume werden Kunstschaffenden zum Bespielen angeboten. Die Kunst zieht im wörtlichen Sinne nach draußen, an neue Orte, in neue Formate.

Das Potential ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Auch die (offizielle) Katholische Kirche in Österreich ist mittlerweile – auch mit liturgischen Angeboten – auf unterschiedlichen virtuellen Plattformen angekommen. Noch hat sie allerdings ihr liturgisches Potential bei weitem nicht ausgeschöpft. Dies betrifft vor allem die Vielfalt der liturgischen Formen und den Dialogcharakter der Liturgie. Virtuelle Kommunikation folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten, die es verstärkt zu beachten und zu nutzen gilt, sodass auch in virtuellen Räumen liturgische Partizipation in kontextadäquaten Formen ermöglicht wird. Diesbezüglich könnten Liturgieschaffende von Kunstschaffenden lernen – vielleicht ja in einem zunehmend intensiveren Dialog bald auch (wieder) umgekehrt. Auch die kirchlichen Räume bergen ein, ähnlich wie oben bezüglich der säkularen Bauwerke beschrieben, noch vielfach ungenutztes, nicht zuletzt spirituelles Potential.

Ähnliches gilt für eine an die virtuelle Kunstpädagogik angelehnte virtuelle Kirchenraum- und Liturgiepädagogik. Und selbstverständlich gibt es auch außerhalb der Kirchengebäude Räume, die sich zur „liturgischen Bespielung“ anbieten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die demnächst mit dem Aschermittwoch beginnende Fastenzeit 2021 könnte – quasi paradigmatisch – zum Anlass genommen werden, den auf Paul Claudel zurückgehenden, mittlerweile seit über siebzig Jahren auch in vielen Städten Österreichs regelmäßig gefeierten, sogenannten „Künstleraschermittwoch“ gerade heuer in besonderer Weise im Dialog von Liturgie und Kunst zu begehen. Und alternative Formen der Aschenkreuz-Spendung, wie sie bereits letztes Jahr vielerorts beispielsweise als „Ash to go“ praktiziert wurden, bieten sich in diesem Jahr geradezu an, weiterentwickelt zu werden.

Unersetzliche Rolle für unser individuelles und gesellschaftliches Überleben

„Per aspera ad astra!“ sagt der Lateiner, wörtlich übersetzt: „Über rauhe Pfade gelangt man zu den Sternen!“ Die momentane, weltweite Pandemie ist zweifellos ein „rauher Pfad“, der die Gefahr in sich birgt, die vielleicht wichtigsten Wegmarkierungen „Kult“ und „Kultur“ zu übersehen. Kult und Kultur sind keine Freizeitbeschäftigungen, die man nach Belieben und ohne gröbere Konsequenzen vorübergehend einstellen könnte. Beide spielen eine unersetzliche und notwendige Rolle für unser individuelles und gesellschaftliches Überleben und je enger miteinander verknüpft, umso wirkmächtiger. Künstlerische und liturgische Sternstunden haben definitiv das Potential, rauhe Pfade zumindest so weit zu erhellen, dass unsere Gesellschaft den richtigen Weg nicht ganz verfehlt.

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Dr. Frank Walz  ist Ass. Professor am Fachbereich Praktische Theologie der Universität Salzburg.

Photo: Rainer Bucher

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