Wenn die Zukunft spricht… Klimaschutz am Freitag

Die Zukunft scheint nicht mehr als das euphorisch-optimistische Feld von Planungen und Hoffnungen, sondern als Bedrohung. Dabei bemerkt Jochen Ostheimer, dass die Warnungen von Jugendlichen darauf beruhen, dass sie das Wissen der Erwachsenen ernst nehmen.

Sonntagsreden besitzen eine besondere Qualität. Sie sagen, was alle schon wissen und was niemand vernünftigerweise bestreiten kann. Sie sind voller Gemeinplätze und setzen auf diese Weise einen allgemeinen Konsens öffentlichkeitswirksam in Szene. Zu solchen Topoi zählt auch die Formulierung, dass die Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft darstellten.

Eigentlich ergreift die Zukunft nicht das Wort.

Über die Zukunft zu sprechen, hat gewisse Vorzüge, insbesondere den, dass sie nicht selbst das Wort ergreifen kann. Wenn ihr Verlauf dann doch eine andere Richtung nimmt, dann kann man immer noch hoffen, dass das Gerede von gestern niemanden mehr interessiert, sofern sich überhaupt noch jemand daran erinnert.
In seltenen Fällen geschieht das Unwahrscheinliche und die Zukunft erhebt ihre Stimme. 
Dieses Phänomen lässt sich seit einigen Wochen freitags beobachten, wenn Schüler und Schülerinnen sich öffentlich für einen sofortigen und wirksamen Klimaschutz aussprechen. Diejenigen, die so gerne mit der Zukunft identifiziert werden, deren Ansichten dadurch leicht als unreif und unwissend, eben als kindisch abgetan und deren Interessen auf diese Weise einfach in die Zukunft verschoben werden können, übernehmen nun genau die Rolle, die man ihnen in Sonntagsreden ansinnt. Sie repräsentieren die Zukunft und legen dar, dass der global vorherrschende Lebensstil und die dominierende Wirtschaftsweise nicht dauerhaft zukunftsfähig sind, wie insbesondere die ungebremst voranschreitende Erderwärmung deutlich vor Augen führt.

Die Zukunft ist nicht mehr das unbekannte Land.

In der neuzeitlichen Fortschrittseuphorie war die Zukunft das unbekannte Land, der offene Horizont, der Raum und das Material für den eigenen Gestaltungswillen. Die Zukunft war in der klassischen metaphysischen Terminologie reine Potenz, reine Passivität. Zwar war auch die Neuzeit, so wie alle Epochen, der Vorstellung einer Vorsehung nicht ganz abgeneigt. Doch der Inhalt der Vorsehung war klar olympisch: schneller, weiter, höher. Nun maßt sich die sogenannte Zukunft an, darauf hinzuweisen, dass die Unterstellung eines solchen Automatismus ein naiver Aberglaube ist.
Kindermund tut Wahrheit kund, wie ein anderes Sprichwort weiß. Diese Wahrheit hat die Kraft, die „Großen“ erheblich zu irritieren, wie unlängst der Vorsitzende der deutschen FDP ungewollt einräumte.

Die Jugendlichen rezipieren Erkenntnisse.

Dabei machen die Jugendlichen, die freitags auf die Straße gehen, nichts anderes als das, was ihrer Rolle als Schüler bzw. ihrer Rolle als Schülerin entspricht. Sie befassen sich mit dem Wissen der Erwachsenen und eignen es sich an. Ihre Unbotmäßigkeit besteht wohl darin, dass sie den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse rezipieren und nicht das Wissen der Großelterngeneration. Damit haben sie gegenüber manchen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen einen echten Vorsprung. Doch eben dies macht ja Zukunft aus.

Die Forderung konkreter Programme ist eine Falle.

So manche, die das freitägliche Engagement für Klimaschutz infrage stellen, versuchen in ihrer Kritik, die Ebene zu wechseln. Wenn die Schülerinnen und Schüler schon so lautstark das Wort im Namen der Zukunft ergreifen, so wenden sie ein, dann sollen sie doch auch erklären, wie man in die Zukunft komme. Protest allein sei wohlfeil. Es komme auf konkrete und tatsächlich umsetzbare Veränderungsprogramme an. Von den Schülern und Schülerinnen einen ausgefeilten Reformplan zu verlangen, ist eine klug gestellte Falle. An dieser Herkulesaufgabe sind bislang schon alle mehr oder weniger gescheitert.

Jugendliche müssen keine Lösungen bieten.

Die Antwort der Schüler und Schülerinnen war abiturreif: Das rhetorische Ansinnen wurde aufgedeckt, die Argumentationsstrategie wurde offengelegt, der Ball wurde an die primär Zuständigen zurückgespielt. Die Feststellung, dass eine Situation bedrohlich ist, ist auch dann richtig, wenn man keinen Lösungsweg skizzieren kann.
Gewiss ist die Frage, wie denn vorzugehen sei, um das Problem des Klimawandels zu lösen, zentral; und die gesellschaftliche Relevanz der freitäglichen Demonstrationen liegt darin, dies der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und insbesondere denjenigen, die die Verantwortung tragen, immer wieder neu in Erinnerung zu rufen. Grundsätzlich brauchbare Handlungsprogramme liegen vor. Insbesondere der Erdgipfel von Rio de Janeiro (1992) hat mit der Rio-Deklaration, den verschiedenen Konventionen zu Klima- und Bodenschutz und der Agenda 21 einen guten Weg gewiesen. Es hat in den folgenden Jahren allein an der Bereitschaft gefehlt, in die richtige Richtung zu gehen und sich ausreichend anzustrengen.

Entscheidende Aufgaben liegen in der Gegenwart.

Ordnungspolitisch betrachtet hat sich in der Nachkriegszeit eine Institutionenordnung herausgebildet, die den einzelnen Akteuren im Interesse einer kurzfristigen Nutzenmaximierung eine Blockadehaltung nicht nur erlaubt, sondern sogar nahelegt. Diese Ordnung zu verändern, ist allerdings keine Aufgabe der Zukunft, sondern der Gegenwart. Wenn die Schüler und Schülerinnen freitags darauf hinweisen, haben sie schlicht Recht.

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Autor: Jochen Ostheimer ist Assistenzprofessor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz

Foto: Nika Baumeister / unplash.com

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