True Crime boomt und ist seit Jahren ein festes Genre der modernen Popkultur. Für Dorothée Branz Grund genug, einmal mit einer theologischen Brille drauf zu schauen.
Seit den 2010er Jahren ist das Erzählen wahrer Verbrechen auch abseits vom TV-Klassiker Aktenzeichen XY… Ungelöst im Medium Podcast populär. Auf Spotify belegen die True Crime Podcasts Mordlust und Mord auf Ex aktuell Platz drei und vier der deutschen Podcast Charts.[1] Für mich als 30 jährige Frau erscheint es sogar wahrscheinlicher, dass ich True Crime Podcasts höre, als dass ich Theologin bin. Denn das Genre ist besonders bei Frauen zwischen 18 und 35 Jahren beliebt.[2] Die Hörer:innen von True Crime gelten als sogenannte Heavy User,[3] also besonders loyale Hörer:innen, die kaum eine Folge verpassen. Ein Publikum, von dem die beiden großen deutschen Kirchen sicher träumen, es für sich zu gewinnen.
Dabei haben True Crime und Religion einiges gemeinsam: Sowohl True Crime als auch Religion begeben sich auf die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Es geht um das Mitfiebern der Fancommunity oder der religiösen Gemeinde. Unerklärliches wird aufgeklärt. Ansonsten wird es zum Cold Case oder zum Glaubensmysterium. Bei beiden geht es um Recht und Gerechtigkeit und die Unterscheidung beider. Während die Bibel unzählige Rechtscorpora aufweist, haben auch einige True Crime Podcasts den Anspruch, juristische, psychologische und gesellschaftliche Bildungsarbeit zu leisten.[4] Zudem werden Fragen nach dem Zusammenleben in der Gesellschaft und über Moral gestellt und diskutiert. Religion und True Crime wollen dabei Menschen mit einem ansprechenden Stroy Telling erreichen. Dabei verfolgen beide auch ein Eigeninteresse: True Crime und Religion leben von einer öffentlichen Wahrnehmung und bringen ihre Überzeugungen in gesellschaftliche Diskurse ein.
Unerklärliches wird aufgeklärt. Ansonsten wird es zum Cold Case oder zum Glaubensmysterium.
True Crime und Religion nehmen Bezug aufeinander. Religionen bedienenden sich der Faszination von Crime. Zahlreiche Kriminalfälle sind in der Bibel zu finden, der erste Diebstahl im Garten Eden, die Ermordung Abels durch Kain oder der ewige Cold Case des verschwundenen Corpus Christi. Wie aber kommt Religion in dem nicht genuin religiösen Genre True Crime vor? Für diese Frage habe ich den Podcast Mordlust von Paulina Krasa und Laura Wohlers betrachtet.[5] Bei Mordlust handelt es sich um ein Format, in dem wöchentlich ein- bis zweistündige Folgen erscheinen. Im ursprünglichen Konzept erzählen in jeder Folge beide Journalistinnen je einen Kriminalfall, den die andere noch nicht kennt. Die Fälle werden dann diskutiert und teilweise mit Expert:innen besprochen.
Biblische Sprache klickt sich gut
Bei Mordlust wird durch den Gebrauch religiöser Semantik im Titel bei einigen Folgen Aufmerksamkeit generiert, auch wenn die Folgen inhaltlich wenig explizite Religion aufweisen. Der beliebte Begriff ‚Hölle‘ kommt etwa in Folge #175 An der Höllenpforte vor, der die Ermordung eines SEK-Beamten durch ein Hells Angels-Mitglied behandelt. Der biblisch-kulturelle Titel #218 Das letzte Abendmahl wird für eine Folge gewählt, in der eine Serienmörderin das Essen ihrer Ehemänner vergiftet. Religiöse Begriffe werden dabei nicht nur in den Titeln, sondern auch in den Folgen genutzt. Beispielsweise wird der Martyriums-Begriff säkular als Metapher für ein sehr schlimmes Leid verwendet (#119 Das Martyrium). Der Begriff ‚Engel‘ beschreibt das unschuldige Aussehen einer Täterin (#37 Gehirnwäsche), während ‚Todesengel‘ einen Euphemismus für medizinisches Personal darstellt, das Patient:innen tötet (#241 Die Nachtschicht). Zudem kommt die Vorstellung eines Schutzengels, der Opfer schützt (#241 Die Nachtschicht) oder nicht schützt (#200 Der verlorene Schutzengel), vor. Beim Hören von Folge #241 Die Nachtschicht wird interessanterweise nicht klar, ob die Podcasterinnen den Begriff ‚Schutzengel‘ nur als Metapher nutzen, oder ob ein echter Engel-Glaube vorliegt.
Der häufige Gebrauch biblischer Semantik zeigt, dass sie alltagsfähig ist. Es wird ein gewisses religiöses Allgemeinwissen bei den Hörer:innen vorausgesetzt, an das angeknüpft werden kann. Biblische Sprache ‚klickt sich gut‘. Ihr wird zugetraut, bei den Hörer:innen Assoziationen und Bilder zu generieren und eine hohe Reichweite zu erzielen. Darauf habe ich übrigens auch bei der Wahl für den Titel dieses Artikels gesetzt.
Biblische Sprache ‚klickt sich gut‘.
Übernatürlicher Gruselfaktor, religiöse Extreme und Skandalpotenzial
Neben der religiösen Semantik gibt es auch Folgen, in denen die Verbrechen unmittelbar mit Religion zusammenhängen. Religiöse Phänomene mit einem scheinbar übernatürlichen Gruselfaktor sind bei True Crime besonders beliebt, beispielsweise Kriminalfälle, in denen religiöser Wahn vorkommt (#185 Engel und Dämonen). Zudem interessiert sich True Crime für Verbrechen mit extremen religiösen Formen wie Satanismus (#210 Die Hütte im Wald) und Sekten (#35 Sekten). Neben den Fällen, in denen Religion eng mit einem Verbrechen zusammenhängt, gibt es Fälle, in denen die Protagonist:innen religiös sind, dies aber nur mittelbar mit dem Verbrechen zusammenhängt. So wird in Folge #58 EntLARVEnde Spuren ein Pastor wegen des Mordes an seiner Ehefrau verurteilt. Religion hatte in diesem Fall mutmaßlich keinen direkten Einfluss auf die Tat. Dass ein Pfarrer einen Mord begeht, hat aber ein gewisses Skandalpotenzial, das den Fall medial präsenter werden ließ. Das ist sicher auch für die mediale Wirksamkeit des Podcasts vorteilhaft.
True Crime interessiert sich für Verbrechen mit extremen religiösen Formen.
True Crime als kritisches Gegenüber
Mordlust stellt auch Fälle dar, in denen kirchliche Institutionen Verbrechen begünstigen. Eine Folge handelt von dem römisch-katholischen Exorzismus an einer Religionspädagogik-Studentin, die in der Folge daran stirbt (#4 Annelieses Exorzismus & Frauke Liebs), eine andere von den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen (#33 Gottes unergründliche Wege). True Crime äußert in diesen Fällen eine wichtige Kritik an kirchlichen Institutionen und Machtstrukturen. Das Genre kann von kirchlich-religiöser Seite als kritisches Gegenüber und Korrektiv wahrgenommen werden.
Einseitige Darstellung des Christentums
Bei ethischen Themen wie Schwangerschaftsabbrüchen oder Sterbehilfe werden religiöse Perspektiven teilweise verkürzt oder einseitig dargestellt. Folge #242 Mi vida, mi muerte handelt von einer jungen Spanierin, die ihr Recht auf aktive Sterbehilfe erfolgreich einklagt. Ihr Vater geht daraufhin gemeinsam mit der katholisch geprägten Gruppe Abogados Cristianos gegen das Urteil vor, um ihren Suizid zu verhindern. Das Christentum wird dabei wenig differenziert in Bezug auf Sterbehilfe dargestellt: „Viele gläubige Christ:innen lehnen Sterbehilfe ab, weil sie das Leben als ein Geschenk Gottes sehen, also als heilig und schützenswert, und deswegen sind sie der Ansicht, dass der Mensch da selbst nicht eingreifen dürfe […].“ Diese Darstellung klingt deutlich konservativer als die Positionierung der EKD zum Thema Assistierten Suizid, die betont „Freiheit und Verantwortung des Individuums im Leben und im Sterben zu stärken und zu schützen.“[6]
religiöse Perspektiven teilweise verkürzt oder einseitig dargestellt
Und andere Religionen?
Da Mordlust meist deutsche Kriminalfälle darstellt, ist es wenig überraschend, dass das Christentum häufiger als andere Religionen dargestellt wird. Neben dem Christentum kommen vor allem das Judentum und der Islam vor. Das Judentum wird recht einseitig im Zusammenhang mit Antisemitismus behandelt, wobei der Antisemitismus-Vorwurf von Gil Ofarim gegen einen Hotelmitarbeiter (#228 Ein wahrer König?) und die Schoah thematisiert werden (#86 Massenmord). Beim Islam scheinen – auch wenig überraschend – vor allem Antiislamismus (#79 Rassismus) und islamistischer Terror (#72 Meurtre à la belge) interessant zu sein.
Religion und Theologie in True Crime – Ein popkultureller Eiertanz
Besonders interessant wird es aus theologischer Sicht, wenn die Podcasterinnen explizit über Religion und Theologie sprechen. In Folge #33 Gottes unergründliche Wege gibt Wohlers an, im Gegensatz zu Krasa Kirchenmitglied zu sein. Obwohl die Folge das Oberthema ‚Religion‘ hat, ist eher eine Zurückhaltung in Bezug auf Religion bei beiden Podcasterinnen erkennbar. Zum Beispiel wird im zweiten Teil der Folge die positive Auswirkung von Glauben auf Gefangene säkular erklärt: Es sei „nicht unbedingt Gottes Wunderkraft, die […] Straftäter:innen zu besseren Menschen werden lässt, sondern wahrscheinlich eher die Besinnung und Beschäftigung in diesem Fall mit der Bibel und den christlichen Werten und die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und der Straftat.“
Auch in Folge #47 Vergebung zeigt sich diese Zurückhaltung in Bezug auf Religion. Die Folge widmet sich den theologischen Kernthemen Vergebung und Theodizee. Zu Beginn wird erklärt, dass Krasa und Wohlers sich in der Folge für den Begriff ‚Vergebung‘ entschieden haben. Hörer:innen, denen dieser Begriff „zu theologisch“ sei, können ihn aber mit „Verzeihen“ ersetzen. Scheinbar fürchten die Podcasterinnen, ihren Hörer:innen mit dem religiösen Begriff auf die Füße zu treten. Inhaltlich geht es in der Folge um die Eltern eines getöteten Jungen, denen der Glaube hilft, das Erlebte zu verarbeiten und dem Täter zu vergeben. Die Podcasterinnen unterhalten sich ausgehend von dem Fall über Gott und die Theodizee-Frage. Krasa drückt dabei humoristisch ihre Distanz zur Kirche aus und sagt, dass sie Bibelseiten rauchen würde – eine Anspielung auf Folge #33 Gottes unergründliche Wege, in der ein Täter die Bibel im Gefängnis zunächst raucht und später zum Glauben findet. Die Theodizeefrage wird im Anschluss an Lactantius und Leibniz dargestellt und diskutiert. Die Antworten auf die Theodizeefrage werden als lückenhaft oder sich widersprechend kritisiert. Trotz der eigenen Zurückhaltung in Bezug auf Glaube und Religion, haben die Podcasterinnen das theologische Thema ausgewählt und betrachten es mehrseitig. Sie gestehen zu, dass Glaube Menschen viel geben kann. Aus theologischer Sicht bleibt der Wermutstropfen, dass zum Thema Theodizee zwar ein Basiswissen wiedergegeben wird, aber kein:e Theolog:in eingeladen wurde, um Vergebung und Theodizee als Expert:in zu erklären.
… leider kein:e Theolog:in eingeladen, um Vergebung und Theodizee als Expert:in zu erklären.
True Crime Podcasts zeigen, was ich auch bei anderen Podcast Genres zu beobachten meine: Einen popkulturellen Eiertanz um das Thema Religion: Zwischen dem Interesse an Religion und einer säkular geprägten Zurückhaltung, zwischen einem hohen Kritikpotenzial an religiösen Institutionen und der beliebten religiösen Semantik sowie zwischen der oberflächlichen Faszination an und der tatsächlichen gesellschaftlichen Relevanz von Religion.
Beitragsbild: David von Diemar / unsplash
[1] Vgl. Spotify Podcast Charts: https://podcastcharts.byspotify.com/de/top-podcasts (27.05.2026).
[2] Vgl. Consumer insights by statista: Target audience: True crime & law podcast listeners in Germany. Consumer Insights report, March 2025, 5f.
[3] Vgl. Seven.one: True-crime Studie 2022, 7.
[4] Vgl. Mordlust: https://mordlust-podcast.podigee.io/ (27.05.2026).
[5] In den vergangenen Jahren habe ich alle Folgen Mordlust gehört. Für die Analyse habe ich die Titel und Folgebeschreibungen betrachtet und einzelne Folgen erneut angehört.
[6] Vgl. EKD, Selbstbestimmung und Begleitung am Lebensende. Sterbehilfe, Patientenvorsorge und Suizidprävention, https://www.ekd.de/begleitung-lebensende-53429.htm (12.06.2025).


