„Bei euch soll es nicht so sein“. Von den Sackgassen der Kirchenreform und neuen Horizonten

Regenbogenfahnen an Kirchen, ungehorsame Pfarrer und Bischöfe, Theolog:innen, die zum Widerstand aufrufen – hier beginnt etwas Neues, meint Norbert Reck.

Bei der Suche nach einem vergriffenen Buch stieß ich neulich auf ein gut sortiertes theologisches Online-Antiquariat. Ich staunte nicht schlecht, was es da alles zu finden gab. Vor allem die Unmenge an Titeln zur Kirchenreform verblüffte mich: Seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils ist offenbar kein einziges Jahr vergangen, in dem nicht etliche Bücher dazu erschienen sind. Über den Zölibat, das Frauenpriestertum und das Ordensleben, über die Ökumene und die Kirchengemeinderäte, über Verhütungsmittel und die Erneuerung der Sexualmoral, über das Papsttum und den Episkopat, über das Leiden an der Kirche und das „Kirchenvolksbegehren“ usw. usf. Sozusagen eine ganze Bibliothek der Kirchenreform.

Eine ganze Bibliothek der Kirchenreform

Ich war bestürzt. So geballt hatte ich es noch nie vor Augen gehabt: tiefsinnige Reflexionen zur Lage der Kirche, leidenschaftliche Pamphlete, aber auch zahlreiche akribische Arbeiten über den Stand von Bibelwissenschaft und Dogmengeschichte und was daraus folgen müsste – etliches von Theolog:innen von Weltrang. Doch so gut wie nichts davon hatte je die Chance auf Verwirklichung. Und so gut wie keine Problemanzeige der letzten Jahrzehnte kann mittlerweile als erledigt gelten.

Warum hat all das nicht gefruchtet? Liegt es, wie viele vermuten, am Unwillen der Kirchenoberen, Veränderung zuzulassen? Gehen zu viele Interessen in unterschiedliche Richtungen? Ist die ecclesia semper reformanda (die immer reformbedürftige Kirche) womöglich bereits an ihrer Reformunfähigkeit erstickt und sondert nur noch seltsame (Sprech-)Blasen ab? Oder sind es gar nicht immer „die Anderen“, die schuld sind?

Auch Reformen durchtränkt vom Untertanengeist in der Kirche?

Ich frage mich, ob nicht selbst viele der aufrichtigsten Reformvorschläge immer durchtränkt waren von einem Geist, aus dem nichts Neues entstehen kann: vom jahrhundertealten und immer noch nicht überwundenen Untertanengeist in der Kirche. Denn alle Reformprogramme, Eingaben und Unterschriftensammlungen kamen von „unten“ und richteten sich an die „Oberen“, und so bestätigten sie die überkommene Rollenverteilung immer wieder aufs Neue: Die Unteren äußern ihre Bitten, die Oberen entscheiden. Die Schafe blöken, die Hirten zeigen sich schwerhörig und gebieten Ruhe. Doch eine neue Zeit kann nicht mit den Methoden und dem Denken der alten Zeiten herbeigeführt werden.

Aber gehört die Scheidung in Oben und Unten, die hierarchische Struktur, nicht zur natürlichen Ordnung der Kirche? Nein. An ihr ist nichts natürlich, und sie ist theologisch fragwürdig. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass „Hierarchie“ – sehr verkürzt gesprochen – in der Kirche zwei verschiedene Bedeutungen hat, die immer wieder durcheinandergebracht werden.

Hierarchie: Herrschaft des Heiligen oder Pyramide der Herrschaft?

Zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern hieros („heilig“) und archē („Herrschaft“) bezeichnet der Begriff einerseits eine Gemeinschaft, die sich der Herrschaft des Heiligen, also Gott, unterstellt. Dagegen bestehen wohl in einer Religionsgemeinschaft keine Einwände (wenn man für einen Moment „Herrschen“ als eine der Tätigkeiten Gottes durchgehen lässt). Andererseits entwickelte sich im Christentum die Sache so, dass diejenigen, die sich näher am Heiligen wähnten (vor allem also die geweihten Personen), dann irgendwann auch glaubten, an der Herrschaft des Heiligen zu partizipieren – anstatt zu dienen.

Der große Dominikanertheologe Yves Congar sprach im zweiten Fall von einer „Hierarchologie“, die sich vor allem im zweiten Jahrtausend der Kirchengeschichte entwickelt habe. Er verstand darunter ein „pyramidales Bild von Kirche […] als einer Masse, die völlig von ihrem Gipfel bestimmt wird“[1]. Demnach ist die Macht in der Kirche ungleich verteilt: Ein kleiner Kader herrscht über die große Mehrheit, „wobei die Machtausübung und die Übermittlung der göttlichen Wahrheit ausschließlich von oben nach unten erfolgt, während die Rechenschaftspflicht in der Kirche ausschließlich seitens der Unteren gegenüber den Oberen besteht“, wie der US-amerikanische Theologe Richard Gaillardetz jüngst in einem wichtigen Aufsatz festhielt.[2]

Klerikalismus verteidigt mit dem Heiligen die Pyramide

Während also nach dem ersten Verständnis vor Gott alle gleich sind und es unter den Menschen kein Oben und Unten gibt, haben wir es im zweiten, „hierarchologischen“ Verständnis mit einem autoritären Modell zu tun, in dem die Unteren keinen eigenen Zugang zur Wahrheit Gottes haben – es sei denn durch die Vermittlung der Oberen in der Machtpyramide. Letztere gelten als quasi sakrale Personen, denen die Entscheidungsgewalt in der Kirche vorgeblich von Gott verliehen wurde und die deshalb von den Gläubigen kritiklosen Gehorsam erwarten.

Aus diesem Hierarchieverständnis ist der heute fast allgegenwärtige Klerikalismus entstanden – die Grundlage jeder Form von Machtaneignung und Machtmissbrauch in der Kirche. Die Anhänger:innen dieses Modells begründen dessen Berechtigung meist mit einer rhetorischen Volte, nämlich indem sie nicht die konkrete Praxis verteidigen, sondern abstrakt auf das angeführte erste Hierarchieverständnis verweisen, das ja wohl niemand ernsthaft in Frage stellen könne.

Auf den Kopf gestellte Pyramide (Papst Franziskus)

Das zweite, klerikale Hierarchieverständnis hat Papst Franziskus inzwischen entschieden zurechtgerückt. Er greift das Bild der Pyramide für die Kirche auf, fügt aber sogleich hinzu: „Doch in dieser Kirche befindet sich der Gipfel wie bei einer auf den Kopf gestellten Pyramide unterhalb der Basis.“[3] Das heißt: Es kann natürlich herausgehobene Stellungen geben, doch wer diese innehat, kann nicht Herrscher, sondern allein Diener der Kirche sein. Biblisch verankert hat Franziskus dieses Bild in dem Jesuswort:

„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“ (Mt 20,25–27)

„Bei euch soll es nicht so sein“ – daran muss sich nach Franziskus die kirchliche Hierarchie messen. Entscheidend ist die Gleichheit aller Getauften; unter ihnen kann es keine Herrscher und Untertanen geben, keinen Rangunterschied zwischen geweihten und nichtgeweihten Personen. Mehr noch: Nach Auffassung des orthodoxen Theologen John D. Zizioulas gibt es, wenn man es in allem Ernst betrachtet, „so etwas wie nichtgeweihte Personen in der Kirche nicht“[4].

Deshalb muss auch die Gesamtheit aller Gläubigen soweit wie irgend möglich an der Meinungsbildung und den Entscheidungsprozessen in der Kirche beteiligt werden. Papst Franziskus beruft sich dafür auf ein Prinzip, das im ersten Jahrtausend der Kirchengeschichte noch von großer Bedeutung war: „Quod omnes tangit ab omnibus tractari debet – Was alle angeht, muss von allen besprochen werden.“

Immer mehr Gläubige überwinden das Untertanenbewusstsein in ihren Köpfen.

An der Schwelle zur Verwirklichung dieser Prinzipien stehen wir heute. Immer mehr Gläubige überwinden das Untertanenbewusstsein in ihren Köpfen; es kommt für sie nicht mehr in Frage, höflich um andere Entscheidungen der Oberen zu bitten. Wenn es in der Kirche Christi in Wahrheit kein Oben und Unten gibt, dann zählt letztlich nur die gemeinsame Entscheidung aller Getauften – gespeist von all den Perspektiven, die unter ihnen vorhanden sind.

Papst Franziskus scheint damit kein Problem zu haben; er kann mit Widerspruch leben und erwartet nicht, dass sich alle seinen Auffassungen unterwerfen. Ich denke, er hofft sehr auf das Mündigwerden der katholischen Christ:innen. Anderen Würdenträgern scheint die Sache schwerer zu fallen. Sie werden lernen müssen, dass ihnen ihre Entscheidung, ihr Leben in den Dienst Christi zu stellen, keine Macht mehr verleiht. Ihr besonderes Charisma wird das Zuhören werden müssen.

Etwas scheint an ein Ende gekommen zu sein, und etwas Neues beginnt. In den Trümmern des alten Kirchengebäudes stehen die verbliebenen Gläubigen, berappeln sich und fangen an, ihre eigene Stimme zu entdecken. An Kirchengebäuden werden Regenbogenfahnen aufgezogen; Pfarrer, Generalvikare und Bischöfe widersprechen Verlautbarungen der Glaubenskongregation und überholten Bibelauslegungen. Professor:innen der Theologie denken über „pastoralen Ungehorsam“ und eine „Verpflichtung zum Widerstand“ nach. Nicht aus Streitsucht, sondern aus Loyalität zum Ruf Christi. Und die Gläubigen werden sich nicht mehr mit einem „Synodalen Weg“ ruhigstellen lassen, sondern selbst Synode werden.

Das Wirken des Geistes nicht unterschätzen

Aber wie kann das gehen, wenn die Kirchenleitungen da nicht mitmachen? werden manche fragen. Und schon richtet sich wieder alle Erwartung auf die „Oberen“. Hierzu kann man nur sagen, dass sich zuerst unser Denken ändern muss, bevor unser Zusammenleben sich ändern kann. Anstatt schulterzuckend auf die „Oberen“ zu verweisen, sollten wir das Wirken des Geistes nicht unterschätzen. Wir können schon anfangen zu lernen, dass es bei uns „nicht so sein“ soll. Dass es in der Kirche kein Oben und Unten geben kann. Wenn wir das einmal wirklich verstanden haben, wird das „Wie“ keine große Frage mehr sein.

Was dabei entstehen könnte, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Stellen wir uns eine Kirche vor, in der tatsächlich alle gleich sind! Eine Kirche, in der alle eine Stimme haben, nicht nur die Gutsituierten, auch die Armen, auch die Verachteten, die Gott erwählt hat (1 Kor 1,28)! Sie wäre ein Ort, anziehender als jede Demokratie, ein Ort, an dem die Menschen über sich hinauswüchsen, im Bewusstsein dessen, was sie der Welt zu geben haben. Ein Ort, an dem die Liebe zu Gott das allerselbstverständlichste wäre.

Es wäre ein Ort, der es wert wäre, dass wir uns mit ganzer Kraft für ihn einsetzen.

[1] Yves Congar, Rezeption als ekklesiologische Realität, in: CONCILIUM 8 (1972), Heft 8/9, 500–514, hier 508.

[2] Richard R. Gaillardetz, Die synodale Gestalt des Dienstes und der Ordnung der Kirche, in: CONCILIUM 57 (2021), 202–211, hier 204.

[3] Papst Franziskus, Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode, 17. Oktober 2015, online unter: www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/october/documents/papa-francesco_20151017_50-anniversario-sinodo.html.

[4] John D. Zizioulas, Being as Communion, Crestwood 1985, S. 215f.

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Dr. Norbert Reck ist Publizist und Übersetzer. Er lebt in München.

Bild: 95C auf Pixabay. 

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