Christian Ratzke bespricht Maike Maria Domsels Buch „Hinter dem Horizont – zum spirituell-religiösen Selbstverständnis von Religionslehrkräften.“
In den vergangenen Jahren hat sich zunehmend gezeigt, dass Lehrkräfte vor verschiedenen Herausforderungen stehen: dem Umgang mit zunehmender Heterogenität, veränderter Religiosität und beziehungssensiblem Unterrichten. Zudem sind Lehrkräfte des Öfteren pejorativen Äußerungen ausgesetzt, obwohl sie als Unterrichtende meistens um ein professionelles Selbstverständnis bemüht sind. Im erziehungswissenschaftlichen und im religionspädagogischen Diskurs hat sich ein Forschungszweig zur Professionalität von Lehrkräften etabliert. In der Qualifizierung von Lehrkräften wird ein praktisch kompetentes Handeln durch die Klärung des Selbstverständnisses intendiert, um die Qualität des pädagogischen Handelns unmittelbar mit der Reflexion von subjektiven Theorien und Kopfkonzepten der Lehrkräfte zu verbinden.
Spirituell-religiöse Positionierung und persönlichkeitsfördernde Bildung
In Anbetracht dessen wird u.a. im Ansatz der Meta-Reflexivität die Sichtweise diskutiert, die Analyse- und Reflexionsfähigkeit von Lehrkräften zu stärken, um zur Stärkung von Selbstkompetenz beizutragen. In diesem Zusammenhang kann die professionelle Kompetenz von Lehrkräften durch die Reflexion des Habitus, subjektiver Theorien und der Haltung entwickelt werden. In der Religionslehrkräftebildung erfährt die individuelle Religiosität im religionspädagogischen Ausbildungsprozess einen Rahmen, um die religiöse Positionalität sowie das spirituell-religiöse Selbstverständnis von Religionslehrkräften zu formen. Beziehungen, Wahrnehmungen und Bezogenheiten können hervorgeholt werden, artikuliert und gedeutet werden, sodass eine hohe Professionalität und eine reflektierte Positionalität im Kontext religiöser Bildung erwachsen kann.
In diesem Rahmen setzt die Habilitationsschrift der Verfasserin an, die an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angenommen und durch Prof. Dr. Bert Roebben und Prof. Dr. Klaus von Stosch begleitet wurde. Die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Kontextes, der durch Traditionsbrüche und die zunehmende Säkularisierung geprägt ist, führt die Verfasserin zur zentralen Frage, inwieweit heutige Lehramtsstudierende über einen Grundstock an eigenen spirituellen Erfahrungen verfügen. Dabei bedenkt die Autorin die spirituell-religiöse Positionierung von Religionslehrkräften und die Ausbildung persönlichkeitsfördernder Bildung. Wie die Verfasserin ausführt, kann durch die Reflexion des spirituellen Selbst eine Grundlage dafür geschaffen werden, die spirituell-religiöse Identität auszubilden und wahrhaft religiöse Antworten als Religionslehrkraft anbieten zu können.
Die Habilitationsschrift gliedert sich wie folgt: Ausgehend von einer thematischen Hinführung zum Berufsbild der Religionslehrkraft auf Basis eigener Wahrnehmungen der Verfasserin (9-72) wird im ersten Teil eine Grundlagenreflexion zwischen christlicher Weltsicht und der pluralen Lebenswelt vorgenommen. Der erste Teil teilt sich in die Deutung von Zeitzeichen (I), die Offenheit für spirituelle und mystagogische Erfahrungen (II) und eine fundamentaltheologische Präzisierung zum identitätsstiftenden Potenzial des Christlichen (III). Im zweiten Teil werden religionspädagogische Konkretionen zum Status der*des Religionslehrer/in vorgeschlagen. Dieser Part differenziert spirituelle und mystagogische Dimensionen eines Berufsbildes (IV), die Konfessionalität und den Umgang mit spiritueller Heterogenität (V) und spirituell-religiöse Identität als Schaffensraum (VI). Im dritten Teil nimmt die Verfasserin eine spirituelle Selbstbetrachtung vor. Mit der Methode der Autoethnografie wird Einblick in die spirituelle Wanderschaft der Verfasserin als Religionslehrerin (VII) gegeben. Abschließend werden Überlegungen hinsichtlich der Konzeption eines „Spiritualitätsmoduls“ (VIII) dargelegt, bevor ein Fazit gezogen und Schlusspostulate präsentiert werden (365-374).
Religiös sprach- und pluralitätsfähige Persönlichkeiten
Gleich am Anfang der Arbeit stellt die Verfasserin heraus: „Der besagte Beruf stellt in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes dar (…) da eine spezifisch spirituelle Dimension und somit ein Selbst- und Rollenverständnis hinzukommt[.]“ (13) Dann werden Schilderungen von Beobachtungen aus der eigenen Tätigkeit als Religionslehrerin und Hochschullehrerin gegeben, die den Problemhorizont und die Fragestellung dieser Arbeit umreißen. Zum Ziel setzt die Forscherin „eine tiefgehende Auseinandersetzung mit relevanten Themengebieten und Fragestellungen rund um die Etablierung und Pflege religiöser Identität bei (angehenden) Religionslehrkräften vor dem Hintergrund zeitgenössisch pluraler Lebenswelten“ (71) vorzunehmen. Präzise formuliert zielt die Forschungsarbeit in ihrer komplexen Anlage darauf, „wie Religionslehrkräfte neben sach-, sozial- und didaktischen Kompetenzen, vor allem spiritueller Art aufbauen bzw. diese erweitern können, um vor dem Hintergrund der Etablierung eines religionspädagogischen Habitus zu selbstbewussten, religiös sprach- und pluralitätsfähigen, reflektierten wie zur Positionierung fähigen Lehrer/innen-Persönlichkeiten werden zu können, die in der Lage sind, ihre Schüler/innen bei der eigenen spirituell-religiösen Identitätssuche zu unterstützen und sich am Lernort Schule mit ihrer fachlichen Expertise einzubringen.“ (71)
Um diese Frage zu beantworten, werden Religionslehrkräfte als Ansprechpartner/innen und Expert/innen betrachtet, um religiöse Fragen hinsichtlich der säkularen und pluralen Lebenswelt von Schüler*innen zu beantworten. Im ersten Teil reflektiert die Autorin, welche Zugänge in einer pluralen und säkularen Gegenwartsgesellschaft zum spezifischen Erfahrungsaustausch einer spirituell-religiösen Dimension gehören. Sie konstatiert, dass Spiritualität als Containerbegriff verstanden wird und gibt verschiedene Beispiele dazu (128). Schon zu diesem Zeitpunkt deutet die Verfasserin ihr Anliegen an: Ausbildner/innen von Religionslehrkräften sollten „Wahrnehmungskompetenzen wie Selbstwahrnehmung“ und „eine Sensibilisierung für die spirituell-religiöse Dimension des Musikalischen“ (130) schulen.
Autoethnografische Selbstreflexion
Im zweiten Teil werden unterschiedliche religionspädagogische Denkoptionen erörtert, die die spirituelle und mystagogische Dimension des Religionslehrer/innen-Berufs erwägen. Im Zentrum steht die Komparative Theologie, die als ein Weg diskutiert wird, einer spirituell-religiösen Heterogenität zu begegnen. Der Verfasserin nach bietet die Komparative Theologie das Potenzial, „eine besondere Sensibilität für die Heterogenität religiöser Traditionen sowie ein Gespür für die Komplexität von Spiritualität“ (189) zu eröffnen. Dann wird der religionspädagogische Habitus (229) und die spirituelle Kompetenz von Religionslehrkräften eingeführt. Anschließend werden personale und auratisch-atmosphärische Kompetenzen, Sprachkompetenz, Vertrautheit mit spirituellen Wegen sowie Prophetie und Krisenkompetenz als Teile spiritueller Kompetenz konzeptualisiert (233-279).
Im dritten Teil wird ein innovativer und für die Religionspädagogik neuartiger Zugang zum Feld gewählt: „eine spirituelle Reflexion der eigenen Person in Form einer autoethnografischen Selbstreflexion [wird] vorgenommen“ (72), um aus den Erkenntnissen daraus, ein „Spiritualitätsmodul“ zu entwickeln. Dieses methodische Vorgehen ist u.a. darauf ausgelegt, persönliche Elemente preiszugeben und gleichzeitig die Privatsphäre zu schützen. Am Ende der Arbeit gelangt die Verfasserin zur Einsicht: „Mit Blick auf den sechsmonatigen Kern meiner Reflexionsphase (…) [kann] ich auf eine glaubensmäßige Basis schauen (…), die in meiner Kindheit und Jugend grundgelegt wurde, auch wenn im Laufe der Zeit unzählige Modifizierungen, zum Teil Distanzierungen stattgefunden haben.“ (339) Aus diesem subjektiv-persönlichen Vorgehen und nach Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse empfiehlt die Verfasserin für Religionslehrkräfte einen „stetigen Aufbau einer spirituellen und mytagogischen Architektur (…) [um] die Konstruktion von spirituell-religiösen Deutungsmustern (…) [und] eine erweiterte Wahrnehmung von Welt- und Selbsterfahrungen“ (344) zu unterstützen. Darum müsse sich in der Ausbildung mit der eigenen Biografie befasst werden.
Plädoyer für Wandel des Religionsunterrichts
Am Ende der Arbeit plädiert die Verfasserin u.a. dafür, jeder glaubensmäßigen Geschichte der (angehenden) Religionslehrkraft nachzuspüren, um diese Individualität aufzunehmen und in eine sensibel-behutsame Arbeit einzubringen (365). In der Reflexion des Habitus kann ein Bewusstsein, über die eigenen biografischen und kulturellen Prägungen nachzudenken, geweckt werden, um eine offene Haltung einzunehmen, ebenso gegenüber Andersreligiösem (369). Der Forscherin nach hat sich gezeigt, dass die spirituell-religiöse Identität dynamisch und transformativ ist und die Komparative Theologie impulsgebend für die Identitätsentwicklung und spirituelle Selbstreflexion sein kann (370). Tiefgreifende Auseinandersetzungen mit dem christlichen Proprium und die Entwicklung spiritueller Identität werden möglich (371), sodass die Verfasserin die derzeitige Form der Schule kritisch anfragt und für einen Wandel des Religionsunterrichts und der religiösen Bildung der Religionslehrkräfte plädiert (372).
Am Ende lässt sich hervorheben, dass die Verfasserin mit der Methode der Autoethnografie Neuland in der Religionspädagogik betritt. Dieser mutige und richtige Schritt erfordert die Preisgabe von „Selbstreflexion (…) [und] persönliche Erfahrungen [um] (…) diese mit lebensweltbezogenen Aspekten“ (285f.) zu verknüpfen. Dadurch ist die gesamte Forschungsarbeit mit reichlich persönlicher Erfahrung als Religionslehrerin und Hochschullehrerin gepickt (in der Arbeit immer mit der Ich-Perspektive gekennzeichnet). Da die Autoethnografie in der Religionspädagogik als innovativ betrachtet werden kann, könnte die methodische Reflexion der Methode in der Arbeit breiter angelegt sein (284-290). So zeigt die Diskussion der Limitation der Methode (290-292) erste spannende Hinweise darauf, wie der religionspädagogische Ertrag der Arbeit eingeschätzt werden kann. Jedoch sind weitere Gedankengänge nötig, die wie die Verfasserin angibt, Gegenstand separater und eigener Publikationen (284) sind.
In diesem wesentlichen Forschungsbeitrag präsentiert Domsel anregende Aspekte, die für die Religionslehrkräftebildung und das spirituell-religiöse Selbstverständnis von Ausbilder/innen für den theologisch-religionspädagogischen Diskurs als bedeutungsvoll zu erachten sind. Dabei wird der religionspädagogische Diskurs durch die Einführung der Autoethnografie methodisch innovativ erweitert und ausstaffiert.
Domsel, Maike Maria (2023): Hinter dem Horizont – zum spirituell-religiösen Selbstverständnis von Religionslehrkräften. Stuttgart: Kohlhammer, ISBN: 978-3-17-043408-0, 404 Seiten.
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Dr. Christian Ratzke, Oberassistent an der Professur für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
Seine Forschungsinteressen liegen im Feld der interreligiösen Bildung im Kontext einer vielfältigen Gesellschaft, des Umgangs mit religiöser Heterogenität in Schule und Lehrkräftebildung, des digitalen Lernens und religionsbezogener Erklärvideos, der quantitativen und qualitativen Sozialforschung (Inhaltsanalyse), von Strategien des Fremdmachens und Othering sowie von Spiritualität und Religiosität im Horizont von Nachhaltigkeit.
Bild: Buchcover


