Höllenfeuer und Paradieseskühle. Von Religion und Temperatur

Ein Samstags-Spezial aus gegebenem Anlass. Von Rainer Bucher

Die Hölle ist bekanntlich heiß, der Kosmos, wie ebenso bekannt sehr, sehr kalt. Das Paradies aber wird man sich wohltemperiert denken müssen. Hier gibt es Wasser, hier wachsen allerlei Bäume, heißt es, „verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten“ (Gen 2,9) Viel mehr wird gar nicht gesagt in der Bibel, aber es genügt, um es sich wirklich angenehm vorstellen zu können.

Religionen denken ursprünglich vor allem kosmologisch. Da drückt der sehr schmale Temperaturkorridor, in dem der Mensch überlebt, zu schön aus, was Religionen immer zuerst sagen wollen: Der Mensch ist höchst gefährdet und seine Existenz keine Selbstverständlichkeit, sondern eine erklärungsbedürftige Ausnahme. Der prekäre Temperaturgrat, auf dem Menschen ohne künstliche Umwelt leben können, ist da geradezu exemplarisch.

Aber wir sind vertrieben aus dem Paradies. Mit dem Flammenschwert wurden wir hinausgeschickt, Kleidung wurde notwendig, von der menschlichen Kälte der „gefallenen Natur“ zu schweigen. Der Mensch muss die enge Temperaturzone, in der er überlebt, ziemlich aufwändig sichern.

Zuletzt warten extreme Temperaturen

Zuletzt warten, so oder so, wieder extreme Temperaturen. Entweder wir vergehen in der Kälte der Materie, landen also irgendwann bei jenen 2,725 Kelvin, die im Weltraum durchschnittlich herrschen. Oder wir kommen ins purgatorium, ins Fegefeuer. Das ist zwar im gewissen Sinne erst im Mittelalter entstanden, um die fatale Alternative „Alles oder Nichts“ „Himmel oder Hölle“ ein wenig abzumildern. Heiß wäre es dort trotzdem.

Nun glaubt man heute an Vieles, an Hölle und Fegfeuer aber eher nicht. Während also das Höllen- und Fegfeuer so ziemlich aus ist, zumindest für Europäer, wird es auf Erden immer wärmer. Irgendwie scheint die Hitze des Höllenfeuers nach oben zu diffundieren: in die Militarisierung der Religionen etwa, oder die Mündungsfeuer der intelligenten Superwaffen, oder in die Erhitzung der Gemüter in den Abgründen des Internets. Oder vielleicht wirklich in die menschengemachte Erderwärmung.

Wie heiß ist Gott?

Und Gott? Welche Temperatur hat er? Keine, würde wahrscheinlich einer wie Kant sagen, denn er sei ein Postulat der praktischen Vernunft und die ist vernünftig, also weder heiß noch kalt. Er ist heiß, sagen die Religionsfanatiker und verbrennen in der Gotteshitze zuerst die anderen und irgendwann sich selbst. Er ist kalt, denn er ist tot, sagen die Atheisten.

Dass Gottes Paradieses-Gärtchen angenehm warm und kühl zugleich sei, kann man zumindest hoffen. Wenigstens das. Ein schönes Sommer-Wochenende!

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Photo: Katya Austin, unsplash

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Graz und Mitglied der feinschwarz Redaktion.

Von Rainer Bucher u.a. auf feinschwarz erschienen:

Die unstillbare Sehnsucht nach dem Paradies. Anmerkungen zum Reisen

„Herr, es ist Zeit“. Über den Herbst

 

 

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