Ragnarök im Garten 8

Erzählung von Daniela Feichtinger in neun Folgen.
Immer dienstags und donnerstags im August auf feinschwarz.

Fünfter Tag

Es war Abend. Draußen war es längst dunkel, durch die offene Wohnzimmertür fiel das gelbe Licht in einem Rechteck gegen die Wand des Vorraums und auf seinen Boden. Der Professor sah es, als er aus seinem Schlafzimmer kam. Ihm war etwas schwindlig – schon wieder, oder noch immer. Jemand schien im Wohnzimmer zu sein; er horchte auf. Er hörte Elma reden. Und Nathanael. Langsam tastete er sich die Wand entlang, die Handflächen auf der Raufasertapete, die Füße, tastend, auf dem dunklen Holzboden. Ja? Nein. Wer hätte das gedacht! Kennen Sie das? Die erste. Hm… Ja, ich finde die gut. Nicht stören, dachte er, abwarten, was wohl passierte. Näher. Noch ein Stück. Der Professor benutzt den Plattenspieler nie. Was Elma wohl über ihn zu erzählen wusste? Ja, die Stereoanlage. Aber den Plattenspieler hat er auch nie benutzt. Er hielt inne, knapp vor dem Türstock, den Rücken an der Wand. Er konnte sie nicht sehen. Sie konnten ihn nicht sehen. Aber er hörte sie.

Musik begann. Oh bitte, Elma. Nur ein Tänzchen. Nathanael klang wie ein Kind. Elma zierte sich. Es war eine flotte Melodie, eine tiefe Männerstimme. Der Professor kannte das Lied nicht. Er runzelte die Stirn, als er den merkwürdigen Refrain hörte. Sein Englisch war eingerostet, aber es reichte, um sich zu wundern. Zu gern wollte er seine Haushälterin dazu tanzen sehen. Die Musik war sehr laut, die Wand vibrierte unter seinen Händen, der Boden erzitterte. Er wagte einen Blick, einen kurzen.

Es war köstlich. Was sich Elma bloß dabei dachte? Nicht viel, wie es aussah. Er hielt es für Boogie. Oder etwas Ähnliches. Für Modetänze hatte er noch nie viel übriggehabt. Seine Haushälterin kicherte – er meinte zumindest, sie kichern zu hören – wie ein zwölfjähriges Schulmädchen. Er sah sie vielmehr kichern. Nathanael war ein Schuft, dachte der Professor nicht ohne Bewunderung, da er den jungen Mann mit der alten Dame durch das Wohnzimmer wirbeln sah.

Da ließ Elma plötzlich, kreidebleich, Nathanaels Hände los. Tief demütig und reuig stand sie da, den Kopf gesenkt, die Hände hinter dem Rücken. Er schien sie zu fragen, was los sei. Sie hörten einander nicht. Aber sie zeigte dezent zur Tür.

Dem Professor blieb das Herz stehen. Sie hatten ihn gesehen. Flüchten, dachte er. Aber wohin? Außerdem war es lächerlich. Nathanael kam zu ihm.

Zwei fragende Augen sahen ihn an, ein schalkhaftes Grinsen umspielte Nathanaels Mund, der sich bald darauf bewegte, irgendwelche Worte formte, die von der dröhnenden Musik verschluckt wurden. Also nahm er die Hand des Professors und zog an ihr. Der Alte schüttelte vehement den Kopf, wollte endgültig zurück in sein Zimmer gehen. Das erste Lied war aus. Ein anderes begann. Zufällige Wiedergabe. Die kurze Stille nutzte der Professor für ein unmissverständliches NEIN. Doch Nathanael war schon halb auf dem Weg zur Tanzfläche mit ihm. Er stand im Türrahmen, immer noch die Hand des Professors in der seinen, und zog kindlich fordernd an ihr.

Ein Akkordeon, dachte der Professor zuerst. Das Lied erinnerte ihn an die Schifffahrt, an einen Hamburger Hafen. Eine Drehorgel! Hatte er diese Melodie schon einmal gehört? Eine samtig weiche Männerstimme sang. Es war schwermütig romantisch. Nathanaels Gesicht nach zu urteilen gefiel ihm das Lied außerordentlich gut.

Sie standen mitten im Wohnzimmer, auf der großzügigen freien Fläche zwischen Plasmafernseher und Couchtisch. Elma wagte nicht, aufzublicken. Der Professor stand mit dem Rücken zu ihr und Nathanaels Plan wegen sah er über dessen Schulter nichts, als die offene Tür. Nathanael schien sich einzurichten, die Gegebenheiten zu prüfen: vier Beine, vier Hände. Das dorthin, das dahin, und jetzt so. Er schien zu lachen, aber nichts war zu hören. Ich führe, sagte er, ohne es zu sagen. Und bevor sich der Professor, der ihm bereits in die Falle gegangen war, wehren konnte, führte er ihn.

Es war ein Kraftakt, auf seine Art. Er führte wahrlich, ohne zu ziehen, ohne ihn mit sich zu schleifen. Es war eine Art des Tanzens, die der Alte vor Jahrzehnten in der Tanzschule gelernt hatte. Schnell fügten sich seine kopflosen Beine einem kosmischen Gesetz, das von ihm eine bestimmte Schrittfolge forderte ohne zu fordern. Es war kein Zwang, in keiner Regung. Die süßliche Melodie wogte einem Meer der Melancholie gleich weiter, mit ihr der Professor. Er sah Elma nicht an; er hätte es nicht ertragen können.

Als das Lied an sein Ende kam, setzte ihn sein Gast in der Mitte des Zimmers ab.

In einer panischen Regung schaltete der Professor die Musik aus, bevor das nächste Lied aufkommen konnte.

Es war totenstill.

Er sah zu Elma, traf ihren Blick. Sie senkte ihn wieder. Er sah zu Nathanael.

„Sie beschämen mich.“, sagte der Professor ernst.

„Ich weiß.“ Er sah zu Boden, lächelte aber amüsiert in sich hinein.

Wieder war es still.

„Was soll das?“ Die Stimme des Professors war laut, sein Blick flog von Nathanael zu Elma, zwischen den beiden hin und her. „Na? Will mir einer von euch beiden erklären, was hier vorgeht?“

Er ignorierte die Tatsache, dass er geführt worden war, ohne sich zu wehren.

„Woher haben Sie diese schreckliche Musik?“, fuhr er Nathanael an. Er stand direkt vor ihm.

„Die lag da drüben, in Ihrem Regal, Herr Professor. The Magnetic Fields. 69 Love Songs.“ Er lachte verständnislos. „Sie haben die 69 Love Songs zu Hause und wissen es nicht einmal.“

Nachdenklich sah er an die Stelle, an der die CDs in ihrer simplen Hülle lagen. Er hatte sie irgendwann einmal zu Weihnachten bekommen. Es war schon länger her.

Da sah ihm Nathanael in die Augen, das Kinn leicht gehoben. Sie waren einander in ihrer Größe ebenbürtig. „Ich wollte Ihnen übrigens sagen, dass Sie mich ab morgen los sind.“

„Gut.“, sagte der Professor. Es fiel ihm wie ein Klumpen aus seinem trockenen Mund. Er hätte es schlucken sollen. Ein Tag, dachte er. Warum nicht ein weiterer? Was tat’s. Nun waren es schon fünf, auf einen mehr oder weniger kam es nicht an.

„Wenn wir hier also fertig sind“, meinte Nathanael achselzuckend, „dann werde ich zurück ins Gästezimmer gehen.“ Mit einer jugendlich trotzigen Geste drehte er sich um und ging.

Elma und der Professor sahen einander an.

„Was haben Sie mit ihm getan?“, fragte der Professor, verständnislos, aber nicht mehr merklich verärgert. „Was tun Sie überhaupt die ganze Zeit mit ihm?“

„Das war das erste–“

„Unterhalten Sie sich nicht andauernd mit ihm?“, unterbrach er sie. „Was haben Sie einander denn so Vieles zu erzählen?“

Ihre Augen wurden groß. „Wir tratschen nur, Herr Professor!“

Er schenkte ihr einen skeptischen Blick.

Dann ging er aus dem Zimmer.

***

Eine Stunde war vergangen. Sie saßen wieder im Wohnzimmer: Nathanael in seinem Sessel, in dem er immer saß, der Professor auf der Couch, vertieft in die Tageszeitung. Immer wieder sahen sie einander an – beiläufig, schien es. Nathanaels Augen glommen eindringlich. Er wandte sich nicht ab, wenn der Professor herübersah; doch dieser beachtete ihn kaum.

Fortsetzung folgt.

Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.

Photo: Craig McLachlan, unspash

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