Machen Unterschiede Unterschiede?

Klaus Kießling, Cover

Konfessioneller Religionsunterricht in gemischten Lerngruppen wirft schon durch seine Existenz Fragen auf. Machen Unterschiede Unterschiede? Die jüngst unter diesem Titel erschienene Studie präsentiert zentrale Ergebnisse empirischer Forschung. Klaus Kießling, einer der Autoren, stellt sie vor und ordnet sie in ihren schulischen und religionspädagogischen Zusammenhang ein.  

Die in einigen deutschen Bundesländern übliche Praxis, katholischen Religionsunterricht auch in konfessionell gemischten Lerngruppen anzubieten, war zu lange kaum Gegenstand religionspädagogischer Forschung. Was ist angesichts der heterogenen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler in diesem Unterricht möglich – an pluralitätssensibler religiöser Bildung? Was ist vielleicht gerade erst unter diesen Bedingungen möglich? Auf die Klärung dieser Fragen zielte eine empirische Untersuchung, die sich der Kooperation des Dezernats Schulen und Hochschulen des Bistums Mainz mit dem Seminar für Religionspädagogik, Katechetik und Didaktik an der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen verdankt. Sie umfasst sowohl qualitativ-empirische Unterrichtsforschung als auch eine quantitativ-empirische Studie, die in Gestalt einer Online-Befragung unter allen Grundschullehrkräften im Bistum Mainz durchgeführt wurde.

Forschung zu konfessionellen Religionsunterricht in konfessionsgemischten Gruppen fehlt weitgehend.

Der Ausgangslage ist der erste Teil der Veröffentlichung gewidmet, der Ansichten zu einer wechselvollen Geschichte des Religionsunterrichts formuliert. Dazu gehört, dass das Bundesland Hessen seit vielen Jahren konfessionellen Religionsunterricht in gemischten Lerngruppen kennt – aus organisatorischen Gründen (Erlass vom 1. Juli 1999) und wohl wissend, dass die Einrichtung solcher Lerngruppen in wachsendem Maße religionspädagogische Herausforderungen mit sich bringt. Diesem Umstand wurde in der Vergangenheit zu wenig Rechnung getragen, auch wenn sich das Verfahren zur Sicherung religiöser und konfessioneller Bildung bewährt hat.

Ausgangslage: Gemischte Lerngruppen aus organisatorischen Gründen.

Im zweiten Teil der Veröffentlichung folgt die Einordnung der empirischen Untersuchung in die Rahmenbedingungen des konfessionellen katholischen und evangelischen Religionsunterrichts. Darüber hinaus wird die vorliegende Studie in den Kontext bereits vorhandener Studien zum Thema aus Deutschland, aus Österreich und aus der Schweiz gestellt. Leitend für die beiden empirischen Forschungsphasen ist das Anliegen, die faktisch gegebene Situation des Religionsunterrichts zu erheben und sich dieser zu stellen. Mit anderen Worten geht es mit der Studie und der Veröffentlichung nicht darum, in den Schulen ein bestimmtes Konzept des Religionsunterrichts in gemischten Lerngruppen zu implementieren, um hernach seine Wirkung zu erforschen. Gegenstand der Forschung war vielmehr der je gegebene Religionsunterricht mitunter sehr erfahrener Lehrkräfte. Zu den Einsichten, die sich bisher in der religionspädagogischen Forschung im deutschsprachigen Raum haben gewinnen lassen, kommen jene, die diese Studie in ihrem dritten Teil gewährt. Folgende Ergebnisse sind besonders hervorzuheben:

  1. Die eigene Konfession ist den befragten Lehrkräften sowohl persönlich als auch für die Gestaltung ihres eigenen Religionsunterrichts sehr wichtig. Für die Lehrkräfte spielt die persönliche confessio auch gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern eine große Rolle.
  1. Fast 80% der befragten Lehrkräfte arbeiten mit ihren Kolleginnen und Kollegen der anderen Konfession zusammen, wobei eine gemeinsame Unterrichtsplanung damit lediglich bei etwa 40% verbunden ist. In ihren Selbstauskünften machen die Befragten deutlich, dass sie die Kooperation mit anders konfessionellen Kolleginnen und Kollegen für sehr wichtig und ebenso bereichernd halten, auch für recht leicht zu organisieren, und dabei größten Wert auf Anerkennung durch ihre Kirche legen.
  1. Deutliche Bestätigung (84% der befragten Lehrkräfte stimmen eher oder voll und ganz zu) findet die Aussage, dass Kinder umso selbstverständlicher mit Andersartigkeit umgehen, je früher sie auch in der Schule konfessionelle und religiöse Vielfalt erleben. Dabei zeigt sich den Lehrerinnen und Lehrern, dass die religiöse Identitätsbildung der ihnen anvertrauten Kinder von der schulischen Präsenz konfessioneller und religiöser Pluralität profitiert, während sich keine Mehrheit dafür findet, dass religiöse Identitätsbildung in konfessionell homogenen Lerngruppen leichter gelingt als in konfessionell gemischten Lerngruppen.
  1. Zu den zentralen Zielsetzungen der Lehrenden zählt, dass die Kinder im Religionsunterricht mit ihrem eigenen Glauben vertraut werden sollen. Dazu gehört auch, dass sich in konfessionell gemischten Lerngruppen die katholischen Kinder mit dem katholischen und die evangelischen Kinder mit dem evangelischen Glauben auseinandersetzen. Sowohl in konfessionell gemischten als auch in konfessionell getrennten Lerngruppen weisen die Befragten oft auf konfessionsspezifische Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin, aber in gemischten Lerngruppen geschieht dies signifikant häufiger als in getrennten Gruppen: Die größere Heterogenität der Lerngruppen geht also mit einer stärkeren Differenzsensibilität der Lehrenden einher.
  1. Hinzu kommt die Überzeugung der Befragten, dass der Religionsunterricht in konfessionell gemischten Gruppen anders und gar nicht religiös gebundenen Kindern die Teilnahme erleichtert.
  1. Bemerkenswert erscheint zudem, dass nur etwa 20% der befragten Lehrkräfte in den Jahrgangsstufen 1 und 2 einen Unterricht in konfessionell getrennten Lerngruppen favorisieren. Bezogen auf die Jahrgangsstufen 3 und 4 kehrt sich dieses Verhältnis jedoch weitgehend um: Für diese Jahrgangsstufen bevorzugen rund 67% der Befragten konfessionell homogene Lerngruppen.
  1. Auf die Arbeit mit gemischten Lerngruppen und die damit verbundenen Herausforderungen fühlen sich über 93% der Befragten weder durch ihr Studium noch durch ihre praktische Ausbildung hinreichend vorbereitet. Von daher fordern fast 68% der Lehrkräfte einschlägige Fort- und Weiterbildungsangebote.

Dazu mag auch die Entwicklung einer religionspädagogischen Spiritualität gehören. Spiritualität lässt sich nicht verzwecken, sie entzieht sich jeder Abrichtung. Spiritualität hat keinen Zweck, aber sie wirkt, auch didaktisch. Und angesichts der hohen und vielfältigen Ansprüche, denen Lehrerinnen und Lehrer ausgesetzt sind, kommt es auf die Entwicklung einer Didaktik der konfessionellen Kooperation an. Dabei erscheint die Pflege eines spirituellen Habitus nicht nur aufgrund der Heterogenität der Lerngruppen unerlässlich, mit denen Kolleginnen und Kollegen konfrontiert sind, sondern auch aufgrund der Heterogenität der Lebenswelten der Lehrpersonen selbst, die in vielfältige kirchliche und gesellschaftliche Bildungsprozesse eingebunden und ihrerseits Suchende sind – und zugleich für die Konfessionalität ihres Unterrichts einstehen, und zwar allein, denn über die Konfessionalität des Unterrichts entscheidet die Konfessionalität der Lehrkraft.

Religionspädagogische Spiritualität ohne Zweck, aber mit Wirkung.

Insgesamt zeichnen sich für den Religionsunterricht in gemischten Lerngruppen deutlich mehr Chancen als Grenzen ab. Daraus lassen sich Aussichten konturieren, wie sie im vierten und letzten Teil der Veröffentlichung anklingen: Es erscheint geboten, die insgesamt ermutigenden Ergebnisse der vorliegenden Studie und die inzwischen klar formulierten Empfehlungen der Kirchen zur wechselseitigen Kooperation zukunftsweisend miteinander zu verknüpfen, auch zugunsten der strukturellen Verankerung konfessioneller Kooperation in einer je nach Diözese und Region zukunftsfähigen Gestalt. Denn eine kooperative Ausrichtung kann nicht bundesweit mit ausgewogenen Gewichtungen rechnen, insbesondere nicht in Gegenden einer konfessionsfreien Mehrheitskultur.

Im Religionsunterricht miteinander zu verschränkende Perspektiven sind in solchen Konstellationen asymmetrisch vertreten, und neben der wichtigen Rolle, die evangelischen und katholischen Kooperationspartnerinnen und -partnern zukommt, dürfen andere christliche Konfessionen, Judentum und Islam, andere Religionen und Weltanschauungen nicht in Nebenrollen abgedrängt werden. Dabei bleiben konfessionell- und religionskooperative Initiativen zu unterscheiden, auch wenn sie eingedenk mancher Analogien aufeinander verweisen und die einen wie die anderen mit Heterogenität umgehen und auf Positionalität zielen.

Mehr Chancen als Grenzen.

Der Religionsunterricht musste schon mehrfach unter Beweis stellen, dass er jene gesellschaftlichen Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen vermag, die Fragen religiöser Identitätsentwicklung heute mehr denn je in den Kontext von Pluralität und Heterogenität stellen. So lässt sich die Entwicklung vom katechetischen zum konfessionellen Religionsunterricht fortsetzen – hin zu einem kooperativen Religionsunterricht mit konfessioneller Prägekraft. Machen Unterschiede Unterschiede? Einem solchen Aggiornamento, einer solchen Heutigwerdung des Religionsunterrichts ist, wie die Studie belegt, bereits in vielfacher Hinsicht der Weg bereitet.

Diesen Weg verantwortlich weiterzugehen und nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, macht zukünftig den Unterschied aus, vor allem für die Schülerinnen und Schüler, die sich in diesem Unterricht in ihrer Unterschiedlichkeit unterschiedslos als geachtet und in ihrem Bedürfnis nach „Kenntnisse(n) und Fähigkeiten im Umgang mit Religion (…) und (nach) Antworten auf ihre Sinn- und Lebensfragen“ als angenommen erleben, wie es in den im Jahr 2016 veröffentlichten Empfehlungen der deutschen Bischöfe für die Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht heißt.

Text: Klaus Kießling, Direktor des Seminars für Religionspädagogik, Katechetik und Didaktik sowie des Instituts für Pastoralpsychologie und Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, Andreas Günter und Stephan Pruchniewicz, Schulamtsdirektoren im Kirchendienst im Bischöflichen Ordinariat Mainz.

Bild: Cover des Buches
Klaus Kießling, Andreas Günter und Stephan Pruchniewicz, Machen Unterschiede Unterschiede? Konfessioneller Religionsunterricht in gemischten Lerngruppen. Ansichten – Einsichten – Aussichten, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2018, ISBN: 978-3-525-62015-1.

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