Vor 23 Jahren starb Dorothee Sölle. Mariele Wischer folgt der Spur ihrer Theopoesie.
Wenn ich unter Bäumen bin – lehne ich an Bäumen, erfahre Aufrichtung durch sie, höre und rieche Lebendigkeit, werde auf meiner Haut und in meinem Herzen von ihnen berührt und zwischen ihnen und mir entsteht bisweilen ein Raum, der mich auf eine transzendente Dimension verweist. Und mir begegnen auch lyrische Texte und Geschichten, die mich mit den Bäumen auf eine Weise verbinden, die ich theopoetisch nennen würde.
Theopoesie ist die Ausdrucksform, die Dorothee Sölle, die heute vor 23 Jahren gestorben ist, in ihrer Überschreitung akademischer Theologie intensiv gesucht, gestaltet und immer neu entfaltet hat. Es genügt mir jedoch nicht an diese theologische Dimension aus Sölles Werk historisch zu erinnern, es braucht vielmehr aktuelle theopoetische Konkretionen, heute mehr denn je.[1] Daher möchte ich, der Spur Dorothee Sölles folgend, versuchen in meinem essayistisch-theopoetischen Sprechen von Bäumen Theopoesie lebendig werden zu lassen. Ich nehme ihre Spur auf mit einem Gedicht:
Vom baum lernen
der jeden tag neu
sommers und winters
nichts erklärt
niemanden überzeugt
nichts herstellt
Einmal werden die bäume die lehrer sein
das wasser wird trinkbar
und das lob so leise
wie der wind an einem septembermorgen[2]
Durch die Worte des Gedichts scheint für mich hindurch, was Theopoesie ausmacht: Die Poesie und die Bäume sprechen eine andere Sprache als die der universitär- wissenschaftliche Logik, die rationalisiert Eindeutigkeit festlegt, de-finiert und zwingend zu Ende erklärt. Diese Sprache sättigt nicht, sie wärmt nicht. Sie macht nicht performativ erfahrbar, wozu Sprache da ist: zu kommunizieren, Communio, Gemeinschaft, Verbindung zu schaffen, – oder wie Sölle pointiert sagt: sie sagt nicht, was es bedeutet Gott über alle Dinge zu lieben.[3]
Aber die Bäume, die können das, sagt ihr Gedicht. Die Bäume werden unsere Lehrer*innen sein. Sie werden uns nicht belehren, sondern sie werden uns heilsames und wahrhaft belebendes sagen, so dass das Wasser trinkbar wird. Dazu aber werden wir lauschen müssen: Was sie sagen, kommt leise zu uns und nicht dröhnend mit rational zwingender Logik.
Theopoesie ist eine Sprache die fehlt, wenn niemand sie spricht
Theopoetisches Sprechen geschieht zwischen den Worten und macht dort einen Raum auf, in dem das, was über uns hinausgeht, wahrnehmbar werden kann. Dafür braucht es mindestens zwei: zwei Worte, zwei Menschen, zwei Lebewesen, um diesem Raum entstehen zu lassen, der größer ist als die Einzelnen. Theopoesie berührt uns sanft an den Membranen unseres Lebendigseins, ruft unser Fühlen auf, das zarte Wahrnehmen von Schönheit und Schmerz und der Wahrheit, die im Netz des Lebens zugegen ist. Theopoesie ist eine Sprache die fehlt, wenn niemand sie spricht, niemand die Welt in diesen Dimensionen des „Zwischen“ zum Ausdruck bringt. Mit ihr aber kann das Göttliche zwischen den Worten durchscheinen wie das Licht zwischen den Blättern.
Ich schreibe diesen Text buchstäblich unter Bäumen, in einem Wäldchen, nicht am Schreibtisch, an dem ich ordentlich etwas produziere und mir Bäume vorstelle. Ich bin wie zugedeckt unter ihren hoch aufragenden Kronen und bin zugleich mitten unter ihnen. Geschwisterlich verbunden sind mir die Bäume, als ganz andere Leben und doch mir intim zugetan – ich erfahre darin etwas über die Verbundenheit in Transzendenz, das ich nicht mit rationaler Logik wiedergeben kann. Theopoetisches Sprechen unter Bäumen ist geprägt vom körperlichen Verbundensein mit dem vermeintlich schmutzigen Erdreich, durch das sich ein Geflecht des Lebens von unzähligen Wurzeln, Pilzen und Bakterien zieht.[4] Das ermöglicht mir spirituell die erdige Wahrheit zu spüren, die durch das Netz des Lebens, in das wir verwoben sind, hindurchpulsiert und von dem das Göttliche, an das ich glauben will, nicht fern sein kann. Kein überirdischer Vatergott, sondern eine göttliche Dimension, in die alle Wesen werdend verwoben sind, wie es auch in Dorothee Sölles Theopoesie zum Ausdruck kommt.
Die Logik der dual geschärften Begriffe bewusst überschreiten
So wie ich den Schreibtisch verlasse hat Dorothee Sölle die akademische Theologie, die Logik der dual geschärften Begriffe bewusst überschritten und suchte in der Mystik und der Poesie der Worte, die zwischen ihnen etwas zum Schwingen bringen, was mehr ist als reine harte fixierte Begrifflichkeit, die im Patriarchat als männlich und durchsetzungsstark gilt.
Ich finde feministisch der Spur Sölles folgend theopoetische Abdrücke vor allem dort, wo immer schon ein Teil des Lebens als das „Andere“ von der herrschenden männlichen Dominanzkultur verdrängt, verächtlich gemacht, erniedrigt und unsichtbar gemacht wurde – auch und gerade in der männlichen Theologie. Bei den Frauen, der Natur (der patriarchal alles weiblich gelesene abschätzig gemeint zugeordnet wurde), den Geflüchteten, Queeren, Bedrohten, den Erniedrigten. Aber ich finde es auch abseits ihrer Spur in dem, wovon Sölle sich eher distanziert hat[5]: zum Beispiel in der Göttinnentheologie, deren Naturbezüge ich theopoetisch „reclaimen“ möchte. Darüber hinaus kommt Theopoesie in Zeugnissen indigener Kulturen oder in aktueller Literatur von nonbinären Personen auf mich zu, wie in diesem Gedicht von Ricardas Kiel:
zur birke gegangen
ihre unversehrtheit gespürt
mit allen abgeknickten ästen
die sie hat
zur birke gegangen
ihre unversehrtheit gespürt
mit allen ästen die ihr
abgeknickt wurden.[6]
Dieser Text berührt die Verwundbarkeit der Birke ebenso wie die der geschundenen Menschen und Tiere und auch meine eigenen Wunden. Zugleich wird mit durch die lyrische Beschreibung der Birke geradezu körperlich spürbar, dass es eine Unversehrtheit in allen Wesenheiten gibt, die durch die Gewalt des Abknickens nicht zu zerstören ist und mir ein Fenster in eine transzendente Dimension öffnet, die alles Lebendige verbindet.
Dorothee Sölle selbst hat einmal formuliert, warum sie diese Baum-Theopoesie braucht, etwas, was mich in diesen Zeiten der Kriege und Kriegsbedrohung, des überwältigend sich aufbäumenden Patriarchats und des schamlosen Kapitalismus berührt: „In dieser Depressivität weiter zu leben, dazu brauche ich jedenfalls so eine Vergewisserung, dass ich eins bin mit der Schöpfung, mit der Natur, mit dem wie das Leben wirklich sein sollte, wenn es also nicht kaputt gemacht wird ständig.“[7]
Kein nettes Beiwerk zur „richtigen Theologie“
Und es wird kaputt gemacht, ständig: Ich habe vor einigen Jahren im Dannenröder Forst von den Aktivist*innen gelernt, wie wir Bäume als Mit-lebewesen erkennen können. Sie waren mit Bäumen, auf denen Sie gelebt haben um sie zu schützen, in einer engen Lebensgemeinschaft verbunden bis diese Streiter*innen für das Leben gewaltsam von ihren Ästen heruntergeholt und mit den Bäumen an Leib und junger Seele beschädigt wurden. Hier zeigte sich unter den Bäumen die zerstörerische Herrschaft des kapitalistischen Wirtschaftssystems, durchgesetzt durch die Staatsgewalt.
Deshalb ist Theopoesie nicht nettes Beiwerk als Illustration, keine bildungsbürgerliche Ergänzung zur „richtigen Theologie“, sondern etwas, das das Sprechen vom Göttlichen ethisch-ästhetisch auf einzigartige Weise hervorzubringen vermag und uns in unseren Herzen berührt. Das unseren Geist verändert und widerständig macht, damit unser Handeln nicht einfach aufgeht in dem System, das schon ist und das Kirche und Staat stützt – sondern etwas gänzlich Neues entstehen kann.
„Fenster der Verwundbarkeit“
Das Erspüren dieser Dimension ist aber nur dann möglich, wenn wir uns, mit Sölle gesprochen, den Bäumen mit unserem „Fenster der Verwundbarkeit“[8] zuwenden. Dieser Ausdruck bezeichnete zu ihrer Zeit eine zu vermeidende militärische Schwäche gegenüber dem Gegner. Theopoetisch gewendet bezeichnet Dorothee Sölle damit einen transparenten, weichen und emotional erreichbaren Zugang zur Welt und zum Leben, der unabdingbar für das Menschsein ist.
Mein Fenster der Verwundbarkeit spüre ich deutlich, wenn ich die Stümpfe abgeholzter Bäume, die aus der Landschaft herausragen, sehe. Sie lösen bei mir unwillkürlich ein reflexhaft-gellendes Schreien aus, so als könne ich mich dem Schmerz geradezu körperlich nicht entziehen, der zwischen den Bäumen und mir ist. Der Vers aus einem Gedicht von Dorothee Sölle „und diese Angst inmitten der Schönheit – herzzerreißend würgt sie in mir“[9] bringt meine erspürte Resonanz ins Wort: ich würge weniger an den abgeknickten Ästen, aber herzzerreißend an den sinnlos zerstörten, abgehackten Leben von Bäumen und Menschen. Denn gewaltsames Abhacken von Bäumen ist nicht notwendig zum Erhalt der Ökosysteme, auch wenn die Hybris technisierter Logik uns dies weis machen will. Selbst Bäume, die krank sind, fallen um und tragen so zum Werden und Vergehen im Kreislauf des Lebens bei.
Im Schmerz um die geschundene Schöpfung
Und dennoch bin ich im Raum zwischen mir und dem abgehackten Holz noch mit dem Göttlichen verbunden, im Schmerz um die geschundene Schöpfung. Für mich sind, wie für Dorothee Sölle, politische Aktion und Transzendenz verwoben. Ich kann die Zerstörung der Natur durch kapitalistische Logik nicht ausblenden, wenn das Göttliche leise durch die Bäume spricht, die nach Sölle unsere Lehrerinnen werden – in Stümpfen voller Schmerz und Wäldern voller Schönheit. Die Verletzlichkeit wie auch die Kraft des Lebens, die in den Bäumen und in mir, in allen Pflanzen und Menschen ist, wird mir darin zugleich spürbar. Eben diese Spannung von Verletzbarkeit und Unversehrtheit wird auch im Text von Ricardas Kiel nicht aufgelöst, sondern theopoetisch gehalten – beides ist da. Aus diesem Raum erwächst eine sanfte Kraft, die der Zerstörung nicht das letzte Wort lassen kann.
Resonanzen dieser göttlichen Kraft, die um uns und in uns ist finde ich auch in den poetischen Worten Mary Olivers in dem Gedicht „Wenn ich unter Bäumen bin“, dem die Überschrift entstammt:
„Wenn ich unter Bäumen bin,
besonders den Weiden und dem Honigdorn,
ebenso den Buchen, den Eichen und den Kiefern,
dann verströmen sie solche Freudenzeichen,
dass ich fast sagen möchte, sie retten mich, und das täglich.
(…) Sie rufen abermals: es ist einfach, sagen sie,
«auch du bist in die Welt gekommen,
um dies zu tun, leicht zu sein,
angefüllt mit Licht, und zu leuchten.“ [10]
Hier sind die Bäume Retter*innen. Einerseits scheint in der Lichtthematik der biologische Bezug auf, dass die Pflanzen aus Licht Energie und Nahrung erzeugen. So wird auch mir möglich, meine Energie zu finden, so wird das göttliche Licht, das in uns allen leuchtet zum verbindenden Lebensmittel, das uns nährt. Und das ist einfach, rufen die Bäume, sie retten uns aus unserer Schwere, indem sie uns an unser Licht erinnern.
Wenn wir das theopoetisch an uns heranlassen würden, könnten wir unsere eigene Schönheit fühlen und würden unsere Geschwister die Bäume nicht alleine lassen. Wir würden auch ihre Retter*innen sein wollen, statt die Menschen, die das tun, als Staatsfeinde zu diffamieren. Zwischen mir und den Bäumen sowie den poetischen Worten von Mary Oliver tut sich ein Raum auf für meine Gefühle, für meinen Schmerz und meine Leichtigkeit, ein Hauch davon wie ich gemeint bin, wie jede*r gemeint ist, wie Leben sein soll. Und ganz leise und unvermittelt neu kommt mir in der Spur Dorothee Sölles dann das Gleichnis vom Senfkorn, das zum Baum wird, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten (Mk 4,30-34), auf theopoetische und noch nicht gekannte Weise nahe.
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Titelbild: Pezibear via pixabay.com
[1] Im akademisch-theologischen Kontext hat jüngst Miriam Sünder auf der Tagung „Dorothee Sölle und die feministische Theologie“ im Februar dieses Jahres in Köln die Bedeutsamkeit der Theopoesie Sölles in ihrer eigenständigen literarischen Form, als „écriture incarnée“, herausgearbeitet. Der noch unveröffentlichte Vortragstext, der meine Ausführungen hier inspiriert hat, wird im Tagungsband erscheinen.
[2] aus: Sölle, Dorothee: Ich will nicht auf tausend Messern gehen, Gedichte, München 1986, 68.
[3] Zur Theopoesie Sölles, auch in der Verbindung zur feministischen Theologie beruhen meine Ausführungen vorrangig auf Texten aus Sölle, Dorothee: Mutanfälle Texte zum Umdenken, München 1990 und Sölle, Dorothee: Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, Stationen feministischer Theologie, München 1987, vgl. hier 119.
[4] Zur Erdenspiritualität gegenüber den Himmelsgöttern vgl. aktuell z.B. Strand, Sophie: Der blühende Stab, Das heile Männliche wieder zum Leben erwecken, Saarbrücken 2025, 20ff.
[5] Vgl. z.B. Und ist noch nicht erschienen, 122.
[6] Dieser Text ist erschienen im Newsletter von Ricardas Kiel, einzusehen unter https://www.ricardaskiel.de/notizen/hier-ist-die-birke-wieder (abgerufen 23.4.2026)
[7] gefunden in: Wellmann, Bettina, Themenheft Bäume, in: Bibel heute (237) 2024, 2.
[8] Vgl. Sölle, Dorothee: Das Fenster der Verwundbarkeit, Theologisch-politische Texte, Stuttgart 1987, 7ff.
[9] aus dem Gedicht: Etwas kaltes auf meiner schulter, in: Sölle, Dorothee: loben ohne lügen, gedichte, Berlin 2000, 59.
[10] Auszug aus dem Gedicht „Wenn ich unter Bäumen bin“, in: Oliver, Mary: Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben, Gesammelte Gedichte, Zürich 2023, 145.


