Auf einer Exkursion nach Auschwitz erfahren Studierende, wie das Erinnern erlernt werden kann. Matthias Daufratshofer, Ludger Hiepel, Michael Pfister und Sarah Scotti berichten davon.
Es ist einer dieser ersten Frühlingstage. Die warmen Sonnenstrahlen fallen durch die langsam ergrünenden Bäume. Die Schritte über den moosigen Boden fühlen sich weich an. Wir stehen inmitten eines kleinen Birkenwäldchens. Eine Birkenaue. Sehen links und rechts kleine Teiche. Eine trügerische Idylle. Vielmehr: eine euphemistische Perversion. Auschwitz-Birkenau.
In den Teichen ein Teil der Asche der von den Nationalsozialisten über 1,1 Millionen ermordeten Menschen. Daneben die zerstörten Gaskammern und Krematorien des Konzentrationslagers. Dreißig Studierende und Lehrende der Theologie kamen im Frühjahr 2026 im Rahmen einer Exkursion der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster und der Theologischen Fakultät Paderborn in die Gedenkstätte. An den Ort eines der größten Verbrechen der Menschheit.
Die Teilnehmer:innen der Exkursion © Ricarda Lüken
Wie an das Unfassbare erinnern? – Unter diesem Titel stand das interfakultäre Hauptseminar mit Exkursion nach Auschwitz und Krakau. Erinnern an die Shoa 2026 sieht anders aus als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, nicht zuletzt, weil die letzten Zeitzeug:innen mittlerweile hochbetagt sind und bald eine Zeit kommen wird, in der die letzten Überlebenden verstummt sein werden. Erinnern ist längst auch in den sozialen Medien angekommen, selbst die Reflexion über Erinnerungskultur, wie Susanne Siegert eindrucksvoll auf ihrem Instagram-Account „keine.erinnerungskultur“ zeigt.[i]
Wie an das Unfassbare erinnern?
Zugleich zeigen neueste Studien: Das Wissen über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden wie auch anderer Gruppen, die nach der NS-Ideologie „rassisch minderwertig“ waren, fällt heute unter Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in den unterschiedlichen europäischen Ländern bisweilen mangelhaft aus. Ein Fünftel der befragten Deutschen kann kein Konzentrationslager beim Namen nennen.[ii] Haben die bisherigen Formen der Erinnerungskultur in Schulen oder Gedenkstätten also versagt oder falsche Schwerpunkte gesetzt?
Brüche in der Erinnerungskultur
Gleichzeitig wird die Anfrage, inwiefern die Shoa tatsächlich ein singuläres Menschheitsverbrechen war, die schon mit dem Historikerstreit der Jahre 1986/87 im Raum stand, seit 2021 im Zusammenhang postkolonialer Diskurse neu befeuert. So wirft etwa der australische Historiker Dirk Moses die Frage auf, ob die Fixierung der deutschen Erinnerungskultur auf den Nationalsozialismus nicht die Sicht auf andere, insbesondere kolonialistische, Verbrechen, wie etwa den Völkermord an den Herero und Nama, verdecke. Zudem verhindere die Erinnerungskultur als eine Art Zivilreligion der Bundesrepublik eine nüchterne Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zum Staat Israel und dem viel größeren Phänomen des Rassismus. Für Moses ist Antisemitismus nur eine Spielart von Rassismus und er plädiert dementsprechend dafür, Erinnerung unter einer globalen Perspektive zu denken. Moses Polemik hat eine Debatte angestoßen, in der Erinnerung und Erinnerungskultur neu ausgelotet werden.[iii]
Angesichts dieser Herausforderungen stellt sich die Frage umso drängender, wie Erinnern gelingen kann, lebendig bleibt und auch für die Zukunft das „Nie wieder!“ wachhält. Warum aber wird sie Gegenstand eines theologischen Hauptseminars? Stellt sie sich Christ:innen besonders oder anders? Um diese Frage zu beantworten, lässt sich an verschiedenen Ebenen ansetzen.
Erinnern Christ*innen anders?
Erstens ist Erinnern integraler Bestandteil christlichen Lebens und der Liturgie, in der das Heilshandeln Gottes und besonders das Leben, Sterben und die Auferstehung Jesu immer neu erinnert und vergegenwärtigt werden. Neben dem bestärkenden Rückblick auf die großen Ereignisse der Heilsgeschichte auch der Blick auf das, was im persönlichen Leben von Gott und den Nächsten trennt – das Bekennen der eigenen Sünden und die Suche nach Wegen der Sühne und Vergebung im Sakrament der Buße. Beides gehört untrennbar zusammen. Erinnern, Gedenken und Neuanfang im Bewusstsein um die eigene Schuldgeschichte sind daher eng verwoben.
Konfrontation mit der kirchlichen Schuldverstrickung
Wie verhält es sich nun zweitens mit der Erinnerung an die Shoa aus einer spezifisch christlichen Perspektive? Auch dieses hat sich im Laufe der Zeit verändert. Standen lange zunächst die ‚eigenen‘ christlichen Opfer, wie etwa aus dem Dachauer Priesterblock, oder Blutzeug:innen wie Maximilian Kolbe und Edith Stein im Zentrum des Gedenkens, hat sich die Perspektive geweitet. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuldverstrickung führte zum sichtbaren Zeichen der Buße, die sich etwa in Initiativen wie Aktion Sühnezeichen (ab 1958) oder 1963 der Gründung des Karmelitinnenkonvents in Dachau, der unmittelbar an das Gelände des Konzentrationslagers angrenzt, widerspiegelt.
Auch führte die Shoa zu einem Umdenken der Katholischen Kirche in ihrer Beziehung zum Judentum. Dies zeigt sich deutlich in den unterschiedlichen Formen des Dialogs und in den lehramtlichen Verkündigungen, allen voran der Konzilserklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanums von 1965. Anstelle eines mehr oder weniger offenen katholischen Antisemitismus, wie er sich etwa in der vorkonziliaren Karfreitagsfürbitte für die „perfiden Juden“ zeigte, ist der jüdisch-christliche Dialog seit dem Zweiten Vatikanum getragen von dem Willen einander besser zu verstehen, die Vorurteile der Vergangenheit abzubauen, die letztlich auch dem Zivilisationsbruch der Shoa den Boden bereitet haben, und durch gemeinsames Gebet derer zu gedenken, die nicht mehr da sind. Dieser Lernprozess ist auch sechzig Jahre nach „Nostra aetate“ kein Selbstläufer und ist noch längst nicht abgeschlossen. Christliches Erinnern kann so nicht ohne die kritische Reflexion der eigenen Tradition auskommen. Die Frage ist nicht nur, wie erinnert wird, sondern wer erinnert und aus welcher Geschichte heraus.
Über Gott sprechen nach Auschwitz
Eine dritte zentrale Ebene ist die theologische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Möglichkeit einer tragfähigen Gottesrede angesichts des Unfassbaren. Nicht nur für die Überlebenden der Shoa stellt das Ausmaß der Vernichtung religiöse Gewissheiten und althergebrachte Gottesbilder infrage. Wie kann man noch von Gott sprechen? Wie von Hoffnung, von Rettung, von Versöhnung, von Gerechtigkeit, ohne das unfassbare Leid auszublenden und zu verharmlosen? Diese Fragen markieren die Aufgabe einer Theologie ‚nach Auschwitz‘, die auch jetzt, über achtzig Jahre nach der Shoa nicht abgeschlossen ist.
Das Denken und Diskutieren wird blass
Man kann sich mit diesen Fragen abstrakt-theoretisch auseinandersetzen. Man kann Opferzahlen und Lagerpläne studieren; mit Arendt die Banalität des Bösen sezieren; mit Metz eine neue Theologie fordern; mit Jonas die Allmacht Gottes zur Disposition stellen; mit Adorno ausloten, was passieren muss, damit Auschwitz nie wieder sei und sich fragen, ob ein Papst oder die Bischöfe nicht doch mehr hätten tun können, als sie getan haben. Aber all das Denken und Diskutieren wird eigentümlich blass, steht man auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau, radikal konfrontiert mit dem unermesslichen Leid der Opfer, den Abgründen menschlicher Gewalt, der Perfidität des Bösen.
Die Dimensionen und Arbeitsabläufe der Todesfabrik von Auschwitz-Birkenau werden vor Ort auf eine Art greifbarer, jedoch macht er das Unfassbare nicht fassbarer: Wie ist es möglich, Menschen so weit zu entmenschlichen, dass man sie als bloßes menschliches Material ansieht? Sie zu Tausenden zu töten, in einem immer gleichen Ablauf von Selektion, Entkleidung, Vergasung? Wie kann es sein, dass hier 1,1 Millionen Menschen, die geträumt, gehofft, gelacht und geliebt haben zu Asche geworden sind?
Auf die Stimme des Bodens hören
Hier in Auschwitz-Birkenau – im Licht der warmen Frühlingssonne – auf die Stimme des Bodens, auf die „Stimme dieser Erde“[iv] zu hören, wie es Manfred Deselaers, der langjährige deutsche Seelsorger im Zentrum für Dialog und Gebet in Auschwitz, ausdrückt, geht an die Substanz. Und genau deswegen sind diese Orte essenziell für eine Kultur des Erinnerns. Weil er das Unfassbare als Unfassbares offenhält, ohne dass man sich diesem entziehen kann. Und wenn man durch das Lagertor, durch das Züge aus ganz Europa in den Tod rollten, wieder hinaustritt, hat man nicht mehr Antworten als vorher.
Auschwitz-Birkenau ist kein Ort, der Antworten liefert. Er widersetzt sich jeder abschließenden Deutung, jeder gedanklichen „Einordnung“, die das Geschehene irgendwie abschwächen oder erklärbar machen würde. Und vielleicht liegt genau darin die bleibende Herausforderung: dass Erinnerung nicht auf Wissen reduzierbar ist. Eine tragfähige Erinnerungskultur braucht mehr als Information und Wissensvermittlung. Vielmehr muss sie es schaffen, eine Resonanz auszulösen, die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern den Menschen als Ganzes – kognitiv, emotional, existenziell … erreicht.
Eine solche Resonanz entsteht dort, wo Erinnerung nicht nur vermittelt, sondern erfahren wird. Orte wie Auschwitz-Birkenau sind deshalb so bedeutsam, weil sie keine distanzierte Betrachtung zulassen. Sie konfrontieren – und gerade in dieser Konfrontation kann sich etwas ereignen, das über reines Wissen hinausgeht: ein Erschrecken, ein Innehalten, vielleicht auch ein Verstummen, das mehr sagt als viele Worte.
Gesprengte Gaskammer mit Krematorium im Außenlager Auschwitz-Birkenau © Matthias Daufratshofer
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Matthias Daufratshofer ist Junior-Professor für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn. Die politischen, kulturellen und humanitären Krisen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie totalitäre Systeme liegen im Fokus seines Lehrstuhls.
(c) ThF Paderborn
Michael Pfister ist Akademischer Rat a. Z. am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster. Er wurde 2020 mit einer Arbeit zu Augustin Bea promoviert; einer seiner Forschungsschwerpunkte sind die Anfänge des jüdisch-christlichen Dialogs im 20. Jahrhundert.
(c) Peter Leßmann
Titelbild: Matthias Daufratshofer
[i] https://www.instagram.com/keine.erinnerungskultur/; Susanne Siegert, Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss, München 2025.
[ii] The First-Ever 8-Country Holocaust Knowledge And Awareness Index Shows Growing Gap In Knowledge About The Holocaust, Especially In Young Adults. Online: https://www.claimscon.org/country-survey/ ; Leon Walter et al. (Hg.), Gedenkanstoß MEMO-Studie 2025, Berlin/Bielefeld. Online: https://www.stiftung-evz.de/assets/1_Was_wir_f%C3%B6rdern/Bilden/Bilden_fuer_lebendiges_Erinnern/MEMO_Studie/Gedenkansto%C3%9F/Gedenkansto%C3%9F_MEMO-Studie_2025_2._Auflage.pdf
[iii] Vgl. Dirk Moses, Der Katechismus der Deutschen (23.05.2021). Online: https://geschichtedergegenwart.ch/der-katechismus-der-deutschen/. In der Kontroverse in deutlichem Widerspruch zu Moses u.a.: Saul Friedländer/ Norbert Frei/Sybille Steinbacher/Dan Diner (Hg.), Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust, München 2022.
[iv] „Man muss Auschwitz berühren, die Stimme dieser Erde hören, denn sie hat uns etwas Wesentliches zu sagen.“ Manfred Deselaers mit Piotr Żyłka, Die Wunde von Auschwitz berühren. Ein deutscher Priester erzählt, Freiburg i.Br. 2024.




