„Voll Leben und voll Tod ist diese Erde…“ Burgenländische Juden*Jüdinnen und die Reichspogromnacht 1938

üdischer friedhof Oberwart Photo: U. Mindler-Steiner

Geschichte ist konkret. Die Zeithistorikerin Ursula K. Mindler-Steiner beschreibt am Beispiel des österreichischen Burgenlandes, was vor 82 Jahren in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 an Entrechtung, Enteignung, Verwüstung und Entweihung geschah und was zuvor bereits geschehen war – mit Folgen bis heute.

„Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“, heißt es im „Lied von der Erde“ des 1939 im KZ Buchenwald zu Tode gekommenen Schriftstellers Jura Soyfer (1912–1939). „Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde / In Armut und in Reichtum grenzenlos.“ Weithin bekannt und viel zitiert, haben diese Zeilen bis heute nichts an ihrer Ausdruckskraft eingebüßt – sie spiegeln auch die Geschichte des burgenländischen Judentums, das durch den Nationalsozialismus vernichtet wurde.

Im Gegensatz zu den anderen jüdischen Gemeinden Österreichs konnten die burgenländischen (vor 1921 westungarischen) Gemeinden auf eine jahrhundertelange Sesshaftigkeit zurückblicken und hatten sich zu selbstbewussten Gemeinden entwickelt; im ersten Halbjahr 1938 wurden sie innerhalb kürzester Zeit nachhaltig zerstört.

Frühe Vertreibung 1938

In der Forschung wird der Reichspogromnacht im Burgenland meist wenig Beachtung geschenkt. Dies liegt weniger darin begründet, dass das Burgenland zum Zeitpunkt der Pogromnacht nicht mehr existierte und bereits auf die Gaue Niederdonau und Steiermark aufgeteilt war, sondern vielmehr darin, dass das Gebiet des Burgenlandes – im Gegensatz zu den anderen Bundesländern Österreichs – zum Zeitpunkt der Pogromnacht bereits als „judenrein“ galt. Der burgenländische Gauleiter Tobias Portschy (1905–1996) hatte, mit Unterstützung der NS-Behörden und -Parteiformationen sowie von Teilen der Bevölkerung, alles darangesetzt, sein Ziel zu erreichen, das Burgenland als ersten „judenfreien“ Gau zu präsentieren. Dies gelang ihm auch, noch ehe das Burgenland im Oktober 1938 aufgelöst wurde.[1]

Ehemals blühendes jüdisches Leben im Burgenland

Bereits am 20. April wurden in burgenländischen Ortschaften, aus denen die jüdische Bevölkerung vertrieben worden war, weiße Flaggen gehisst. Eine Woche vor der Reichspogromnacht, am 1. November 1938, meldete die Israelitische Kultusgemeinde Wien, dass „sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes (sieben größere und vier kleinere […]) mit einer jüdischen Bevölkerung am 12.3.1934 von 3632 Seelen“ bereits aufgelöst worden wären.[2] Zur Zeit der Pogromnacht war also das seit rund 300 Jahren existierende, ehemals blühende jüdische Leben bereits zerstört gewesen, und es befanden sich auf dem Gebiet des Burgenlandes daher kaum noch Juden*Jüdinnen,[3] gegen die sich ein „Volkszorn“ hätte richten können.

Ebenso waren die vormals in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfte entweder bereits „arisiert“ oder zumindest in einem Enteignungsverfahren, sodass sie sich nicht als Angriffsfläche anboten – schließlich wollte man nicht „arischen“ Besitz zerstören. Umso erstaunlicher und befremdlicher ist es daher, dass es trotz dieser Umstände auch im Burgenland in der Reichspogromnacht zu Zerstörungen kam.

Entweihung und Verwüstung

Am 9. November richtete sich nun die Aggression – in Ermangelung der Präsenz jüdischer Bürger*innen – gegen Symbole des Judentums, die man vor allem in Synagogen und Friedhöfen erblickte. Einrichtungs- und Kultgegenstände wurden aus Synagogen entwendet (in Güssing sogar öffentlich verbrannt), die Innenräume von Synagogen verwüstet (z.B. in Eisenstadt, Kobersdorf, Rechnitz, Mattersburg), die Güssinger Synagoge zwei Mal in Brand gesteckt (beide Male erfolglos).

Entgegen der landläufigen Meinung ist jedoch im Burgenland keine einzige Synagoge in der Reichspogromnacht vollständig zerstört worden – dies geschah erst später, entweder im Laufe des Zweiten Weltkrieges (Deutschkreutz, Mattersburg, Lackenbach, Frauenkirchen) oder überhaupt erst nach 1945 (Gattendorf, Güssing, Kittsee, Gemeindesynagoge in Eisenstadt). Heute sind nur mehr drei Synagogen erhalten (Kobersdorf, Eisenstadt, Stadtschlaining), wovon nur die Eisenstädter Wertheimersynagoge auch tatsächlich noch als Synagoge genutzt wird. Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit dem Reichspogrom ferner, dass die lokalen und regionalen Zeitungen, die seit dem „Anschluss“ regelmäßig und detailliert über die Diskriminierung, Entrechtung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung berichtet hatten, zu den Vorfällen in der Reichspogromnacht schwiegen.[4]

Die Abwesenheit der burgenländischen Juden*Jüdinnen bedeutete jedoch nicht, dass diese die Pogromnacht nicht miterlebt hätten. Jene, denen die Emigration ins Ausland nicht gelungen war, saßen zumeist in Wien fest. Sie sahen, wie Häuser geplündert, Synagogen angezündet und Menschen misshandelt wurden. Auch fanden sich burgenländische Juden*Jüdinnen unter den Verhafteten. Der 1921 in Eisenstadt geborene Fred Poll erinnert sich: „In der ‚Kristallnacht‘ im November 1938 war ich immer noch in Wien. Ich lief die ganze Nacht durch die Straßen und als ich in die Wohnung gehen wollte, sagte die Frau des Hausmeisters: ‚Gehen Sie nicht in Ihre Wohnung, sie holen alle Juden ab.‘ Und so ging ich weiter die ganze Nacht durch die Straßen. Ich kam an einer Synagoge vorbei. Sie stand in Flammen.“[5]

Der Oberwarter Joseph P. Weber (1922–2008) berichtete: „Das war alles organisiert. Es klopfte an der Türe und zwei Männer drangen ein, und wir vier und unsere Vermieterin, eine ältere Frau, auch Jüdin, mussten augenblicklich ausziehen. Wir konnten kein Gepäck oder Kleidung mitnehmen. Sie versiegelten die Wohnung und wir mussten auch das Taxi bezahlen, mit dem wir zur Polizei fahren mussten.“[6] Edith Arlen, 1938 dreizehn Jahre alt, erzählte: „Im November 1938, in der ‚Kristallnacht‘, bin ich [wie beim „Anschluss“, Anm. UMS] auch hinter dem Vorhang [am Fenster, Anm. UMS] gestanden, habe gezittert und wusste nicht, was da eigentlich vorgeht und warum.“[7]

Den Zeitzeug*innenberichten ist zu entnehmen, dass die Vorgänge der Reichspogromnacht für viele der in Wien Gestrandeten schwer einzuordnen waren. Und Daisy Davidov Berman (1929–1996) aus Bad Sauerbrunn stellte fest: „Nach dieser Nacht wurde der Alltag noch beschwerlicher.“[8] Es ist eine Fama, dass sämtliche burgenländischen Juden*Jüdinnen aufgrund ihrer frühen Vertreibung die Shoa überlebt hätten. Zwar gelang wohl der Mehrzahl die Flucht – doch wurden viele in den vermeintlich sicheren Exilländern (z.B. Ungarn, Tschechoslowakei, Frankreich) letztlich erneut von der NS-Herrschaft eingeholt und fanden, wie auch der 36-jährig verstorbene Jura Soyfer, den Tod.

Erinnern, reflektieren, mahnen

Der Nationalsozialismus zerstörte nachhaltig das jüdische Leben des Burgenlandes. Heute gibt es hier keine einzige jüdische Kultusgemeinde mehr und es leben nur wenige Juden*Jüdinnen im Land. „Es ist ein Verlust […] und wir müssen diese Leerstelle in unserer Mitte aushalten – nicht überspielen und vergessen“, mahnten der burgenländische Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics und Superintendent Manfred Koch in einem gemeinsamen Brief 2013 ein, in dem sie eine Mitschuld der Kirchen an der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung festhielten.[9] Das mittlerweile ritualisierte Gedenken an die Pogromnacht ist aller Kritik zum Trotz von hoher symbolischer Bedeutung.

Synagoge Oberwart, Photo: Mindler-Steiner

Es gilt, insbesondere in der heutigen Zeit, wo der Großteil der Shoa-Überlebenden bereits von uns gegangen ist, einem Vergessen und Verharmlosen entgegenzuwirken. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt uns, was Gewalt, Hass und Verhetzung bewirken können – etwas, das heute wieder aktueller denn je zu sein scheint. Wir alle, die wir unsere Gesellschaft, unser Land, unser Europa, unsere Erde mitgestalten, sind aufgefordert, zu gedenken, zu erinnern, zu reflektieren und zu mahnen, sowie auch aus dieser Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen – um das zu ermöglichen, was Jura Soyfer voll Hoffnung und Zuversicht am Ende seines „Liedes von der Erde“ verkündet: „Und ihre Zukunft ist herrlich und groß“.

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Ursula Katharina Mindler-Steiner,  Dr. phil., ist Ass.-Prof. am Institut für Geschichte der Universität Graz sowie Universitätsdozentin an der Andrássy Universität Budapest, Lehrstuhl für Kulturwissenschaften.

[1] Mindler Ursula, Tobias Portschy. Biographie eines Nationalsozialisten. Eisenstadt 2006.

[2] DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung im Burgenland 1934 – 1945. Wien, 2. Aufl., 1983, p. 319.

[3] Es lebten aber noch „Mischlinge“ bzw. Menschen in „privilegierter Mischehe“ im Burgenland.

[4] Mindler Ursula, Grenz-Setzungen im Zusammenleben. Innsbruck 2011.

[5] Lang Alfred et al. (Hg.), Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004, p. 158.

[6] Lang et al. (Hg.), Vertrieben, p. 384.

[7] Lang et al. (Hg.), Vertrieben, p. 444.

[8] Lang et al. (Hg.), Vertrieben, p. 460.

[9] https://burgenland.orf.at/v2/news/stories/2613858/ [Abruf: 2.5.2015].

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